„Krisen-Lösungen in der Eurozone verlaufen höchst chaotisch“

Didier Saint-Georges von Carmignac

Didier Saint-Georges von Carmignac

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Didier Saint-Georges ist Mitglied des Investmentkomitees bei der französischen Fondsboutique Carmignac.

Die Restrukturierung des zypriotischen Bankensektors wurde unabwendbar, nachdem die Staatsverbindlichkeiten Griechenlands, in denen Zyperns Institute stark engagiert waren, einbrachen. Dies bot der Europäischen Union eine hervorragende Gelegenheit, um der Akzeptanz des Moral Hazard einen Riegel vorzuschieben. Die Sanierungslösung – unter Einbezug der Privatgläubiger, ja sogar der Anleger des Banksektors in einem Mitgliedsland der Eurozone – trifft diese Akteure hart.

Ist sie aber nicht doch gerechtfertigt, zumal diese Anleger mehrheitlich im Ausland ansässig sind, das Banksystem auf dem Modell eines Offshore­Zentrums basiert, das Land selbst so zahlungsunfähig ist wie seine Finanzinstitute und seine Wirtschaftsleistung nur gerade 0,1Prozent des Bruttoinlandsprodukts Europas ausmacht?

Die Märkte scheinen dieser Auffassung zu sein: Der Interbankenmarkt signalisiert bisher jedenfalls keine starke Zunahme der Spannungen in der Eurozone. Einen Ansteckungseffekt gab es bisher nicht, und die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) mussten kaum verbal eingreifen.

Schlechtes Krisenmanagement


Dennoch bestätigte das Beispiel Zypern einmal mehr, dass die Lösung von Krisen in der Eurozone höchst chaotisch gehandhabt wird. Dies stimmt alles andere als zuversichtlich, zumal die politisch verfahrene Situation in Italien erneut Fragen zur bedingten Unterstützung durch die EZB aufwirft.

Gleichzeitig rückt die sich akzentuierende Verlangsamung des Wirtschaftwachstums in Europa die Entschuldung der südlichen Länder der Währungsunion mit jedem Tag in weitere Ferne. Somit haben im ersten Quartal zahlreiche Ereignisse dazu beigetragen, den Druck auf Europa weiter zu verstärken.

Dennoch räumen wir ein, dass die im vergangenen Sommer eingeführten Maßnahmen zur Reduktion des systemischen Risikos ihren ersten Test bisher erfolgreich bestanden haben. Dieser beruhigende Umstand lässt es umso angebrachter erscheinen, sich für die Entwicklung der Lage in den Vereinigten Staaten, in Japan oder in China zu interessieren, wo die Akteure ebenfalls oft unter dem Zwang der Tatsachen handeln.

Gefährlicher Präzedenzfall

Die hohe Abgabe, die auf nicht versicherten Einlagen von über 100.000 Euro in zypriotischen Banken erhoben wird, sowie diverse im Land eingeführte Kapitalkontrollen schaffen einen gefährlichen Präzedenzfall. Die Perspektiven einer technokratischen Übergangsregierung in Italien lassen zudem befürchten, dass die vom bisherigen italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti lancierten Reformen auf Eis gelegt werden. Diese Entwicklungen verdüstern den Horizont für die Eurozone zusätzlich.

Dennoch rechtfertigen sie unseres Erachtens auf kurze Sicht keinen Anstieg der Risikoabneigung. Einerseits, weil ein derartiger Vertrauenseinbruch den in den großen Ländern Südeuropas vorgenommenen Anpassungen (beispielsweise liegt  das Haushaltsdefizit Italiens nur trotz der Rezession unter 3 Prozent) nicht Rechnung tragen würde. Andererseits, weil die Märkte wissen, dass Mario Draghi dem Bankensektor im Bedarfsfall genügend Liquidität zur Verfügung stellen würde, um Spannungen, wie sie im Frühling 2012 beobachtet wurden, im Keim zu ersticken.

Skepsis bleibt

Dennoch erhöht die Zypernkrise unsere Skepsis hinsichtlich der Kapazität des europäischen Bankensektors zur beschleunigten Kreditvergabe an Unternehmen. Die europäischen Banken sind durch den Zwang zur Entschuldung, die Eigenkapitalvorschriften gemäß Basel III und die schwache Kreditnachfrage bereits stark eingeschränkt. Nun droht ihnen zusätzlich eine Schwächung ihrer Einlagenbasis, könnten doch ihre Kunden nervös auf den Präzedenzfall Zypern reagieren und ihre Sparguthaben künftig auf ein Minimum beschränken.

Wegen dieser neuen Bedrohung für die Bankenbranche ist kaum zu übersehen, dass sich die Perspektiven für eine Konjunkturerholung in der Eurozone im zweiten Halbjahr 2013 nochmals verschlechtert haben.

Dies umso mehr, als Frankreich, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Währungsunion, zurzeit in eine Rezession abzurutschen beginnt und es kein überzeugendes Gegenmittel zu geben scheint.

Unsicherheit wegen China

Mit Blick auf die Schwellenländer führte der politische Führungswechsel in China bei den Anlegern zu einiger Nervosität. Angesichts der vor weniger als einem Jahr verzeichneten Verlangsamung des Weltwirtschaftswachstums hatte dies eine dürftige Performance der chinesischen Aktienmärkte und der Schwellenmärkte im Allgemeinen zur Folge.

Besteht Grund zur Sorge? Wir stellen fest, dass die fragwürdige Wirtschaftspolitik Indiens und Brasiliens (politischer Interventionismus in Brasilien und Unfähigkeit zur erfolgreichen Umsetzung von Reformen in Indien) nicht unbedingt auf gute Anlagegelegenheiten schließen lässt. Und doch eröffnet beispielsweise der Infrastrukturbedarf beider Länder gut geführten Privatunternehmen eine Perspektive, ihre Geschäftsergebnisse spürbar zu verbessern, obwohl in Brasilien eine schwache Zahlungsbilanz aufweist.

Das makroökonomische Bild in China ist für den Anleger leichter fassbar. Was sagt es uns? Im Prinzip, dass das Wirtschaftswachstum vorerst anhalten wird, während die chinesischen Entscheidungsträger die erforderlichen einschneidenden Reformen an die Hand nehmen. Die beiden auf mittlere Sicht obersten Prioritäten, welche auf eine „qualitative“ Verbesserung des Wirtschaftswachstums abzielen, wurden durch die neue Führung mit Nachdruck bestätigt und werden weiterverfolgt.