Lernkurve 10 Lehren aus 25 Jahren mit Schwellenländeranleihen

Die brasilianische Abgeordetenkammer entschied am 17. April 2016, ob Präsidentin Dilma Rousseff des Amts enthoben wird: Nicht einmal einen Monat später flog Kammerchef Eduardo Cunha (Mitte) wegen Korruptionsverdachts selbst aus dem Amt | © Getty Images

Die brasilianische Abgeordetenkammer entschied am 17. April 2016, ob Präsidentin Dilma Rousseff des Amts enthoben wird: Nicht einmal einen Monat später flog Kammerchef Eduardo Cunha (Mitte) wegen Korruptionsverdachts selbst aus dem Amt Foto: Getty Images

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Erkenntnis 1: Zahlungsausfälle von Staaten können auch Möglichkeiten eröffnen

Es passiert, dass Staaten ihren Anleiheverbindlichkeiten nicht voll und ganz nachkommen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass sie – im Gegensatz zu Unternehmen – komplett ausfallen. In jüngster Zeit hat die internationale Gemeinschaft mit Organisationen wie der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) große Bereitschaft gezeigt, notleidende Länder angesichts eines möglichen vollständigen Zahlungsausfalls zu unterstützen. Daher ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Gläubiger einen vollständigen Kapitalverlust erleiden. Für risikobereite Anleger kann es daher interessant sein, zu beträchtlichen Abschlägen in Anleihen eines Landes zu investieren, das Probleme hat, seinen Verbindlichkeiten nachzukommen.

Marcelo Assalin
Marcelo Assalin, NN IP

Erkenntnis 2: Vorsicht vor Verallgemeinerungen

Häufig versuchen Investoren, die Welt zu vereinfachen und in großen Wirtschaftsblöcken zu denken. Ein gutes Beispiel sind die von Goldman Sachs im Jahr 2001 so genannten „BRIC“-Länder Brasilien, Russland, Indien und China. Damals verfügten diese Länder über ein beträchtliches Wachstumspotenzial. Zwei Jahrzehnte später hat sich jedoch herausgestellt, dass dieser verallgemeinernde Optimismus seine Fallstricke hat, denn sinkende Rohstoffpreise, ein schwächerer Welthandel und eine steigende Verschuldung fordern – vor allem in Russland – ihren Tribut. Mit anderen Worten: Zwischen den einzelnen Schwellenländern bestehen sehr große Unterschiede, die Anleger dürfen landesspezifische Faktoren nicht außer Acht lassen.

Erkenntnis 3: Nie den Mut verlieren, irgendwann kommt die Rettung

Seit der globalen Finanzkrise haben Zentralbanken, multilaterale Institutionen wie der IWF und private Investoren mehrfach zusammengearbeitet, um überschuldete Länder zu stützen. Keine Anlage ist vollständig risikolos, zuletzt war jedoch klar die politische Bereitschaft zur Rettung überschuldeter Nationen zu erkennen, was für Anleger in Schwellenländeranleihen positiv ist.

Erkenntnis 4: Aus schlafenden Drachen werden kauernde Tiger

Seit über zwei Jahrzehnten hat Chinas Aufstieg zur wirtschaftlichen Supermacht extrem positive Auswirkungen auf andere Schwellenländer und die Weltwirtschaft gehabt. In jüngster Zeit macht China seinen Einfluss direkter geltend, indem es Infrastrukturprojekte in Asien, Europa und Afrika finanziert. Mittelfristig dürften sich Chinas Wachstumsraten allerdings aufgrund von Strukturreformen verlangsamen, die durch die zunehmende Reife der Wirtschaft erforderlich werden. Da das Land so einflussreich ist, könnte dies weitreichende negative Konsequenzen haben. Chinas Entwicklung muss daher längerfristig genau im Blick behalten werden.

Erkenntnis 5: Der IWF hat Konkurrenz bekommen

Der IWF spielt seit den Neunzigerjahren eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der Schwellenländer. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass China den IWF als erste Anlaufstelle für wirtschaftliche Unterstützung ablöst. Im Gegensatz zum IWF verlangt China für seine Unterstützung nicht im selben Maße Strukturreformen. Deshalb könnten Schwellenländer künftig nicht mehr unbedingt bereit sein, die vom IWF gewünschten Anpassungen durchzuführen. Die Schwellenländer sollten sich von beiden Seiten, dem IWF und China, Unterstützung sichern.