Makroperspektiven „Zentralbanken müssen wieder einflussreicher werden“

Joachim Fels, Managing Director und Global Economic Advisor bei Pimco

Joachim Fels, Managing Director und Global Economic Advisor bei Pimco

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Die Unabhängigkeit der Zentralbanken wird von den Finanzmärkten heute weitgehend als gegeben hingenommen und gilt als notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche Geldpolitik. Das ist nicht überraschend, da sie die Glaubwürdigkeit der Institute stärkt und es ihnen ermöglicht, Maßnahmen ohne politische Einmischung zu ergreifen.

Ein gutes Beispiel ist die „Paul Volcker Rezession“ der frühen 1980er-Jahre, die notwendig war, um der „großen Inflation“ ein Ende zu bereiten. Volcker, damals Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), erhöhte die Leitzinsen angesichts der steigenden Inflationsraten massiv und führte sein Land letztendlich aus der Krise. Es ist fraglich, ob ein derartiger Erfolg in Kooperation mit der Politik möglich gewesen wäre.

Notenbanken müssen nicht unbedingt unabhängig sein

Aktuell zeigt sich an den Finanzmärkten jedoch ein anderes Bild als in den 1980er Jahren: Inflation ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil: Es zeigen sich sogar deflationäre Tendenzen. Angesichts dieser Entwicklung könnte die Unabhängigkeit der Zentralbanken bald infrage gestellt werden.

Der Wunsch, ihre Unabhängigkeit zu verteidigen, hindert Zentralbanken oft daran, niedrige Inflationsraten und andere Wirtschaftsprobleme mit Helikoptergeld oder Maßnahmen eines Kreditgebers der letzten Instanz zügig in den Griff zu bekommen. Stattdessen müssen sie zweitbeste Maßnahmen wie die Quantitative Lockerung oder eine Negativzinspolitik wählen.

Zudem gibt es eine Asymmetrie in der Geldpolitik, denn Zentralbanken können mehr tun, um die Inflation im Zaum zu halten, als sie tun können, um sie auf Trab zu bringen. Die Hauptprobleme sind heute deflationäre Tendenzen, Schuldenüberhänge im öffentlichen und privaten Sektor und immer wiederkehrende Finanzkrisen.

Viele Beobachter fragen sich, ob Zentralbanken die Möglichkeiten der gewöhnlichen Geldpolitik, die sie seit der Finanzkrise genutzt haben, beim Kampf gegen die niedrige Inflation bereits ausgeschöpft haben. Einige behaupten sogar, dass die Institute besser für aktuelle Herausforderungen gerüstet wären, wenn sie unter der Kontrolle einer demokratisch legitimierten Regierung agieren würden.

Finanz- und Geldpolitik: Ein vernetztes Konstrukt

Dafür spricht, dass viele Entscheidungen, die erforderlich sind, um die größten Probleme der Finanzmärkte zu lösen, Verteilungskonsequenzen haben und eher in den Bereich der Finanzpolitik als der Geldpolitik fallen. Man denke nur an die Entscheidung, ein großes Finanzinstitut zu retten oder ein anderes untergehen zu lassen. Unabhängigen Zentralbanken können sich in solchen Fällen nur schwer entscheiden, weil ihr Votum für zahlreiche Marktteilnehmer schlimme Folgen hat.

Unabhängige Zentralbanken dienen auch oft als Sündenböcke für Politiker, die sich scheuen, selbst Entscheidungen zu treffen. Während der Krise der Eurozone schreckten Regierungen immer wieder davor zurück, die Staatsschulden- und Bankenkrisen mit fiskalpolitischen Instrumenten zu lösen. Sie verließen sich vielmehr auf das Einschreiten der Europäischen Zentralbank, nur um anschließend zu kritisieren, dass die Geldpolitik ihre Grenzen überschritten habe.

All dies spricht dafür, Zentralbanken mit der Politik enger zu verknüpfen. Doch was wären die Folgen für die Finanzmärkte?

Abhängige Zentralbanken können Finanzsystem umgehen

Die Inflationsraten würden sicher sofort steigen, da die Regierungen ihren Einfluss auf die Geldpolitik ausweiten würden. Außerdem könnten Zentralbanken den gesamten Finanzsektor umgehen, indem sie Regierungen direkt mit frisch geschaffenem Geld ausstatten würden. Die Notenbanken könnten direkt Geld auf Staatskonten überweisen, das die Regierungen dann ihrerseits in Form von Steuernachlässen an die Öffentlichkeit verteilen kann. Daraus entstünde das sogenannte Helikoptergeld.

Mit Helikoptergeld können Notenbanken ein Nachfragedefizit viel effizienter abbauen und die Inflationsraten zu steigern, als mit quantitativen Lockerungen, bei der begehrte sichere Finanzwerte dem Markt entzogen werden – etwa Staatsanleihen oder hochwertige Unternehmensanleihen.

Es gibt noch andere Wege, Helikoptergeld zu schaffen, als die Unabhängigkeit der Zentralbanken abzuschaffen. Der frühere Fed-Vorsitzende Ben Bernanke hat einen sehr interessanten Vorschlag dafür gemacht: Die unabhängige Fed entscheidet, wie groß eine Geldspritze sein muss, um die vorgegebenen Beschäftigungs- und Inflationsziele zu erreichen. Anschließend überschreibt sie den Betrag auf Staatskonten. Dann wäre es Aufgabe der Regierung, dieses Geld auf die ihr geeignet erscheinende Art und Weise zu verteilen.

Kampf gegen niedrige Inflationsraten findet kein Ende

Fazit: Kritiker argumentieren, das Hauptproblem der Unabhängigkeit der Notenbanken bestehe darin, dass sie erfunden wurde, um hohe Inflationsraten zu senken. Dieses Problem gibt es jedoch heute gar nicht mehr. Ihre Unabhängigkeit hindert Zentralbanken vielmehr daran, aktuelle Probleme effizient zu lösen. Die unabhängige Geldpolitik hat die Inflationsraten bisher nicht gesteigert. Sollte sie noch länger niedrig bleiben, könnte eine Union von Fiskal- und Geldpolitik eine Option für die Finanzmärkte werden.