„Manager, die sich auf Mathematiker verlassen, handeln fahrlässig“

Georg Graf von Wallwitz

Georg Graf von Wallwitz

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DAS INVESTMENT.com: Ein Risiko wird allgemein als Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit eines negativen Ereignisses und dessen Konsequenz definiert, die mit Hilfe statistischer Methoden berechnet werden kann. Das dürfte auch für die Risiken auf den Finanzmärkten gelten. Sie sagen jedoch, dass die Finanzmärkte viel riskanter sind, als es die Normalverteilung suggeriert. Warum?

Von Wallwitz: Wenn man die Volatilität und das Risiko einer Geldanlage misst, funktioniert die Gauß’sche Normalverteilung nicht. Denn Extremereignisse treten auf den Finanzmärkten in der Praxis viel häufiger auf, als es der Wahrscheinlichkeitsrechnung entsprechen würde. So hätten zum Beispiel Tagesschwankungen von 7 Prozent bei dem Dow Jones Industrial Average Index zwischen 1916 und Ende 2009 nur einmal in 300.000 Jahren auftreten dürfen. In der Praxis jedoch kamen sie wesentlich häufiger vor, in diesem Fall genau 53 Mal. Außerdem halten die Standardmodelle viele Dinge für unwahrscheinlicher, als sie in Wirklichkeit sind. Nehmen wir doch den Zusammenbruch von Bear Stearns und Lehman. Für die gängigen Modelle entsprach dieses Ereignis einer sechsfachen Standardabweichung. Diese dürfte nur alle drei Millionen Jahre vorkommen. Manager, die sich darauf verlassen, was ihre Mathematiker sagen, handeln grob fahrlässig.

DAS INVESTMENT.com: Auf wen sollen sie denn sonst hören?

Von Wallwitz: Gutes Vermögensmanagement basiert auf einer Mischung aus Rationalität und Intuition. Denn mathematische Modelle sind bei mittelfristigen Entscheidungen wichtig. Bei kurz- und langfristigen Entscheidungen hingegen ist Intuition gefragt. Modelle des rationalen Handelns können sich nur mit einer gewissen Zeitverzögerung an eine sich extrem schnell verändernde Umwelt anpassen. Und auch mathematische Vorhersagen über sehr lange Zeiträume sind meist zwecklos, da niemand weiß, wie sich zum Beispiel in 20 Jahren Indien oder China entwickeln – da wäre ja fast alles möglich.

DAS INVESTMENT.com: Und deshalb sollte man sich auf sein Bauchgefühl verlassen?

Von Wallwitz: Nein. Intuition ist kein bloßes Bauchgefühl, sondern eine über lange Zeit gemachte und dann in bestimmte Muster geronnene Erfahrung.

DAS INVESTMENT.com: Was bedeutet das?

Von Wallwitz: Durch Erfahrungen bilden sich im Hirn Strukturen. Bei dem nächsten mehr oder weniger ähnlichen Ereignis weiß der Mensch dann, wie es abläuft und wie er am besten darauf reagieren kann. Das ist der Wert eines Erfahrungsmusters, einer Intuition.

DAS INVESTMENT.com: Da hätten ja die jungen dynamischen Harvard-Absolventen, die frisch von der Uni ins Fondsmanagement einsteigen, keine Chance.

Von Wallwitz: Ja, die meisten von ihnen verlieren zuerst einmal Geld.

DAS INVESTMENT.com: Sprechen Sie aus Erfahrung?

Von Wallwitz: Ja. Auch ich habe einmal in den 90er Jahren viel Geld verloren. So bekam ich zwar im Jahr 2000 den Ausstieg aus der New Economy-Blase gut hin. Das Geld steckte ich aber in Versicherungen. Aktien, die ich damals für rund 400 Euro gekauft habe, sind heute nur noch etwa 80 Euro wert. Das ist Lehrgeld, das ich zahlen musste.