Mario Draghi und Michel Barnier „Verbündet euch!“

Das Niedrigzinsniveau, das der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, verantwortet, schickt die Versicherer auf die Jagd nach mehr Rendite und damit in die Arme der Fondsgesellschaften. (Foto: Getty Images)

Das Niedrigzinsniveau, das der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, verantwortet, schickt die Versicherer auf die Jagd nach mehr Rendite und damit in die Arme der Fondsgesellschaften. (Foto: Getty Images)

// //

Sicherheit kann sich keiner mehr leisten. Anleger, die heute zehnjährige Bundesanleihen kaufen, bekommen einen Zins von 0,15 Prozent. Und bei fünfjährigen Papieren müssen Sparer schon dafür zahlen, dass sie dem Staat Geld leihen. Normal ist das nicht. Auch die klassische Lebensversicherung, die vor allem in sichere festverzinsliche Papiere wie deutsche Staatsanleihen investiert, ist von dieser Entwicklung betroffen. Der Garantiezins ist zum Jahresbeginn auf 1,25 Prozent gesunken. Diese Absenkung macht sich direkt in der garantierten Beitragsrendite bemerkbar, zeigt eine Studie der Rating-Agentur Assekurata. Die garantierte Beitragsrendite ist die reale Verzinsung der eingezahlten Kundenbeiträge. Im Schnitt liegt sie für 2015 bei 0,42 Prozent – und damit deutlich unter dem Vorjahreswert von 0,93 Prozent. Die Folge? Bezieht man die Inflationsrate von 0,90 Prozent in die Betrachtung mit ein, „können nur noch vier Lebensversicherer nach 25 Jahren auf Basis der Garantie einen realen Kapitalerhalt herstellen“, heißt es in der Assekurata-Analyse.

Aber zu einer Rentenversicherung gehört ja bekanntlich noch mehr als der reine Garantiezins. Die Überschussbeteiligung zum Beispiel. 2015 ist in der privaten Rentenversicherung aber auch diese gesunken. Sie beträgt für 2015 nur noch 3,16 Prozent. 2014 waren es noch 3,40 Prozent. Die Drei vorm Komma wackelt.

Auch wenn die Lebensversicherer nach wie vor Stein und Bein schwören, dass sich ihr Vorzeigeprodukt immer noch lohnt – es dürfte mit den Klassikern einfach immer schwieriger werden, die Rentenlücke im Alter zu schließen. „Mittlerweile sollte jedem Anleger klar sein, dass man für eine bestimmte Rendite auch ein Mindestmaß an Risikoappetit aufbringen muss“, sagt Martin Stenger, Leiter Vertrieb für unabhängige Finanzberater und Versicherungen bei Fidelity Worldwide Investments. „Es geht mehr denn je darum, den Kunden Anlagealternativen mit kontinuierlichen Renditechancen aufzuzeigen.“

Auch die Versicherer müssen also umdenken. Eine ganze Handvoll hat das bereits getan und die klassische Lebens-versicherung überarbeitet. Die „neuen Klassiker“ bieten abgespeckte Garantien und sollen dadurch einen Schuss mehr Rendite bringen. „Parallel sehen wir aber auch, dass viele Anbieter sich darauf vorbereiten, Vertrieben wieder verstärkt reine Fondsanlagen ohne Garantien oder mit geringeren Garantien näherzubringen, weil nur dies auf Sicht eine attraktive Rendite verspricht“, sagt Frank Breiting, Leiter privates Vorsorgegeschäft bei Deutsche Asset & Wealth Management (DeAWM).

Befeuert der Niedrigzins also die Zusammenarbeit zwischen Versicherer auf der einen und Fondsgesellschaft auf der anderen Seite? Nun, es scheint so.

Risiko, Rendite – und Eigenkapital

Denn die Zusammenarbeit lohnt sich aus einem weiteren Grund: Solvency II. Die neuen Eigenkapitalrichtlinien, die die Europäische Union den Versicherern ab 2016 aufdrückt, haben durchaus Konsequenzen für das Produktangebot der Versicherer. „Das Asset Management gewinnt durch Solvency II für Versicherungen eine zusätzliche, herausfordernde Komponente“, sagt Jörg W. Stotz, Geschäftsführer von Hansainvest, der Investment-Tochter der Signal Iduna. „Nicht mehr allein Rendite und Risiko stehen im Fokus der Kapital-anlage, sondern darüber hinaus auch die Eigenkapitaloptimierung.“

Solvency II soll die Versicherer krisenfester machen und verlangt daher, dass höhere Risiken mit mehr Eigenkapital unterlegt werden. Langfristige Garantien, wie sie eine klassische Lebensversicherung bietet, brauchen daher mehr Eigenkapital. Das ist teuer für den Versicherer. Will er seine Kosten drücken, muss er das Risiko – wie bei einer fondsgebundenen Versicherung – zum großen Teil an einen Kooperationspartner abgeben, in diesem Fall also an die Fondsgesellschaft.

Umgekehrt lohnt sich die Zusammenarbeit aber auch für die Fondsgesellschaften. „Es handelt sich um ein sehr langfristiges, nachhaltiges Geschäft“, sagt Lothar Traub, der bei UBS Global Asset Management das Geschäftsfeld Publikumsfonds für Versicherer verantwortet. Gerade in Krisenjahren wie 2008 und 2011 zahle es sich aus, wenn die regelmäßig fließenden Versicherungsprämien für einen stabilen Cashflow beim Asset Manager sorgen.

DeAWM-Mann Frank Breiting sieht noch einen anderen Vorteil: „Wir erhalten hier den Zugang zu Beratern und Kunden, die wir mit unseren Produkten direkt nicht erreichen.“ Während es nämlich über 240.000 Versicherungsvermittler in Deutschland gibt, sind aktuell nur knapp 40.000 Fondsvermittler registriert. „Kunden, die in ein Versicherungsbüro gehen, um über die Absicherung ihres Alters zu reden, würden möglicherweise nie einen Fonds angeboten bekommen“, so Breiting weiter.

In einigen Bereichen arbeiten Versicherer und Fondsgesellschaften bereits seit Jahren erfolgreich zusammen. Von der reinen Fondspolice einmal abgesehen – Infos zum Fondspolicen-Markt liefert die Grafik auf Seite 30 – tun sich hier vor allem die dynamischen Hybridmodelle auf der einen und gemanagte Strategiedepots auf der anderen Seite hervor. Die dynamischen Hybride befriedigen dabei vor allem das Bedürfnis der deutschen Anleger nach einem Sicherheitsnetz.