Marktausblick 2012: Chancen aus der Euro-Krise

Daniel Zindstein

Daniel Zindstein

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Daniel Zindstein ist verantwortlich für das Portfoliomanagement der vier Dachfonds des unabhängigen Finanzdienstleisters Gecam

Entgegen aller Schwarzmalerei lautet eine Definition von Risiko: Abweichung vom Erwartungswert. Viele vergessen, dass diese Abweichung auch nach oben erfolgen kann – das heißt dann Chance.

Struktureller Krisenwandel als Chance

Politische Veränderungen, wie die Wahlen in Frankreich, USA und Iran sowie der Wechsel der Regierungschefs in China und Russland, könnten sowohl zu mehr ökonomisch sinnvollen Richtungswechseln, als auch zu einem Abflauen des, durch Wahlkampf bedingten politischen wie militärischen Säbelrasselns und somit insgesamt zu einer Beruhigung führen.

Europa rückt unter dem Druck der Krise viel enger zusammen als dies freiwillig möglich gewesen wäre. Die Weiterentwicklung eines gemeinsamen Europas braucht handlungsfähige und demokratisch legitimierte Institutionen und bekommt somit politisch eine Perspektive.

Bei der europäischen Schuldenkrise handelt es sich um ein so tiefgreifendes Ereignis, dass die Erfahrung daraus wohl Generationen von Politikern prägen wird. Ähnlich den Erfahrungen der Hyperinflation im Deutschland der 1920er Jahre, die nach wie vor unsere Angst vor Inflation sowie unser Verständnis von Geldpolitik prägen. Auch die wirtschafts- und energiepolitischen Auswirkungen der Ölschocks der 1970er Jahre bestimmen seitdem unser Verständnis vom rationalen Umgang mit Ressourcen. Dies bedeutet, dass den vier Jahrzehnten des ungezügelten Schuldenmachens auf Staatsebene, in den nächsten dreißig Jahren eine gegenläufige Politik folgen sollte.

Politiker erkennen, dass es ökonomisch, moralisch und auch dem Wählerwillen entspricht, die Neuverschuldung gering zu halten sowie die Ausgabenstruktur des Staates auf Wachstum auszurichten.

Einsparungen in aufgeblähten Sozialstaaten sowie Reformen in den oft überregulierten und starren Arbeitsmärkten in Europa, führen sehr schnell zu geringeren Staatsdefiziten und zur Stärkung der Wirtschaft eines Landes, wie es Deutschland mit der Agenda 2010 vorgemacht hat.

Wenn die Staatsquote sinkt, entfalten sich sehr starke dynamische Kräfte im privaten Sektor. Dies steht Europa in nicht gekanntem Ausmaß bevor, da die Staatsquoten im Vergleich sehr hoch liegen (Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt oft bei 60 bis 70 Prozent).

Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) - die es im Übrigen noch nicht lange gibt und der es an fachlichem Know-how sowie an ausreichend Kapazitäten mangelt, um sich echte Akzeptanz an den Märkten zu erarbeiten – wird erkennen, dass man in der Krise keine Strukturprobleme löst. Die Eigenkapitalanforderungen sowie die Stresstestkriterien, die eine Pleite von Euro-Staaten vorsehen, obwohl dies von den Regierungschefs ausgeschlossen wurde, werden sowohl zeitlich wie auch inhaltlich wieder auf realistische Ziele reduziert. Denn ohne ein liquides und starkes Bankensystem funktioniert kein Finanzmarkt und Wachstum in der Realwirtschaft wird konterkariert - Stichwort Kreditklemme.