Marktausblick Europa 2016 Normalisierung in Sicht

Paras Anand, Leiter des europäischen Aktienteams bei Fidelity International

Paras Anand, Leiter des europäischen Aktienteams bei Fidelity International

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Seit einigen Jahren ist das wirtschaftliche Umfeld in Europa geprägt von schwachem Wachstum und niedriger Inflation. Im laufenden Jahr hat sich vor allem der Ausblick für den Welthandel eingetrübt. Deshalb gehen die Marktteilnehmer inzwischen mehrheitlich davon aus, dass sich dieser Trend 2016 im Wesentlichen fortsetzt.

2015 war auch ein Jahr, in dem die Komplexität der Europäischen Union, sei es in den Führungsstrukturen oder in der gemeinsamen Politik, erneut in den Mittelpunkt des Anlegerinteresses gerückt ist. Wohl auch deshalb hat das Argument, strukturelle Faktoren könnten einer zyklischen Erholung entgegenstehen, an Schlagkraft gewonnen.

Gute Gründe für positiv überraschendes Wachstum

Aus unserer Sicht spricht jedoch einiges dafür, dass die Wirtschaftsentwicklung in der Eurozone positiv überraschen wird. Als zentrale Stütze dürfte sich der Konsum erweisen, dem neben steigender Beschäftigung auch höhere Löhne zugutekommen. In einer so heterogenen Region wie Europa wird sich diese positive Wirkung natürlich nicht überall gleich stark bemerkbar machen. Aber dennoch stark genug, dass die Wachstums- und Inflationszahlen eher eine normale Erholung als einen dauerhaften Abschwung aufzeigen werden.

Ein positiver Wirtschaftsausblick ist zwar nicht gleichbedeutend mit einer durchweg optimistischen Einschätzung für Europas Aktienmärkte. Aber für einen positiveren Trend spricht er durchaus. Denn spinnt man die Idee weiter, dass sich die Markteinschätzung von langjähriger Stagnation zu überraschender Normalität wandelt, könnte eine Rotation am Markt die Folge sein. Im Verlauf dieses Normalisierungsprozesses dürften auch die Schwankungen auf Titelebene zunehmen, was attraktivere Chancen für Stockpicker schafft.

Welche Faktoren werden das Wachstum vorantreiben?

Die zentralen Treiber für einen positiveren Wachstumsausblick in Europa zu identifizieren ist kein leichtes Unterfangen. Schließlich gilt der alte Kontinent seit Langem als einer der Hauptnutznießer des weltweiten Handels. Deshalb lassen die schwachen Zahlen zu den globalen Handelsströmen, insbesondere in den letzten sechs Monaten, nicht auf Schützenhilfe von dieser Seite hoffen.

Meines Erachtens wird Wachstum in den nächsten Jahren vor allem aus einem Normalisierungsprozess resultieren. In dessen Verlauf wird sich der von der Staatsschuldenkrise 2011/12 gebeutelte Arbeitsmarkt soweit erholen, dass die Reallöhne wieder steigen. Zugleich wird das Vertrauen in die Finanzlage der Länder, Institutionen und Privathaushalte soweit wieder hergestellt werden, dass der lange vermisste Multiplikatoreffekt erneut seine Wirkung entfalten kann.

Parallel dazu sollten sich diejenigen Volkswirtschaften weiterhin stark entwickeln, die als Lehre aus der Staatsschuldenkrise umfassende Reformen in Angriff genommen haben. Diese ermöglichen es ihnen heute, von den positiven Folgen einer schwachen Gemeinschaftswährung und den vergleichsweise niedrigen Grundstücks- und Arbeitskosten zu profitieren. Spanien und Irland scheinen aus der Finanzkrise nicht nur mit höherem, sondern auch qualitativ besserem Wachstum hervorzugehen.

In vielen großen europäischen Volkswirtschaften ist der Reformprozess noch lange nicht abgeschlossen, dessen positive Wirkung sich zudem in der Regel erst mit einer gewissen Verzögerung bemerkbar macht. Trotz des komplexen politischen Systems habe ich den Eindruck, dass die Reformdynamik stark genug ist, um den Positivtrend am Laufen zu halten.

Zu guter Letzt wäre da noch der Flüchtlingsstrom in die Region, insbesondere nach Deutschland, der Politik und Gesellschaft vor große Herausforderungen stellt. Er wird die Regierungen zwingen, sich von ihrer Austeritätspolitik zu verabschieden und damit die Konjunktur kurzzeitig spürbar ankurbeln. Früher oder später werden Anleger deshalb das längerfristige Wachstumspotenzial der europäischen Wirtschaft, in der negative demografische Trends Zweifel an einer sich selbst tragenden Erholung geschürt hatten, einer Neubewertung unterziehen.

Wird die EZB ihre quantitative Lockerungspolitik zurückfahren?

Wegen der oben skizzierten Entwicklungen könnte es an der Inflationsfront Ende 2016 deutlich anders aussehen als heute. Dass der technologische Fortschritt und neue, davon profitierende Geschäftsmodelle die Inflation dämpfen, wird wohl kaum jemand bestreiten.

Dennoch könnten die wieder steigenden Reallöhne und die - anders als im Vorjahr - nun stabileren Energiepreise einen Anstieg der Teuerungsrate in Europa auf das Niveau unweit der langjährigen Trendrate bewirken. Das dürfte angesichts der weit auseinandergehenden Meinungen über die Auswirkungen des quantitativen Lockerungsprogramms auf die Realwirtschaft Europas den Druck auf die EZB erhöhen, ihre Unterstützung für die Märkte langsam zurückzunehmen. Denn anders als in Japan, wo sich die politische Führung weitgehend einig ist, dass quantitative Lockerungen ein probates Mittel sind, um die Wirtschaft auf den Wachstumspfad zurückzuführen, sind Europas Politiker in dieser Frage geteilter Meinung. Ein Umschwenken auf einen normaleren geldpolitischen Kurs ist daher eine realistische Möglichkeit.