Marktausblick Europa-Aktien „Schlechte Nachrichten für Growth-Aktien - gute für Value-Aktien“

Der Autobauer Daimler zahlte in diesem Jahr mit knapp 3,5 Milliarden Euro die höchste Dividendensumme aller 30 Dax-Unternehmen aus. | © Getty Images

Der Autobauer Daimler zahlte in diesem Jahr mit knapp 3,5 Milliarden Euro die höchste Dividendensumme aller 30 Dax-Unternehmen aus. Foto: Getty Images

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Paul Casson, Manager des Artemis Pan-European Absolute Return Fonds

Eine ganze Generation von Anlegern steht für eine Denkrichtung, die man als „selbstzufriedenen Pessimismus“ bezeichnen könnte. Pessimistisch, weil es immer nur um die Steuerung von Risiken und nicht von Renditen geht. Selbstzufrieden sind diese Anleger, weil sie glauben, dass alles so weiterläuft wie bisher und es morgen genau so sein wird wie heute. Auch Spekulationsblasen funktionieren nach dieser Logik. Nun endlich stehen die Zeichen auf Veränderung. Deshalb ist diese Selbstzufriedenheit inzwischen überaus gefährlich.

Der Himmel ist nicht auf uns herabgestürzt. Die Wahl von Emmanuel Macron zum Präsidenten Frankreichs setzt einen Schlussstrich unter zwölf lange Monate extremer politischer Unsicherheit und ist somit von großer Bedeutung. Die politischen Risiken, die europäischen Aktien eine dauerhafte Underperformance im weltweiten Vergleich beschert haben, sollten nun allmählich abklingen. Seit Ausbruch der globalen Finanzkrise haben politische Bedenken die europäische Investmentlandschaft auf unterschiedliche Weise geprägt. Wenn Irland und Spanien nicht gerade Grund zur Sorgen boten, so wurden die Anleger von den Problemen in Portugal und Italien umgetrieben. Das immer wieder aufkommende Griechenland-Problem steht noch einmal auf einem ganz anderen Blatt.

Also flüchteten sich Anleger am Rentenmarkt in sichere deutsche Staatsanleihen, deren Renditen dann auch auf historische Tiefstände sanken. An den Aktienmärkten standen Titel mit niedriger Volatilität hoch im Kurs. Das Verständnis von Volatilität schien sich dabei so zu wandeln, dass man mit diesem Begriff nur noch Risiken verband. Die Folge war, dass Anleger immer stärker zu einem gewissen Gruppendenken neigten. Die einzige Möglichkeit, in dieser Konstellation Gewinne zu erzielen, bestand darin, in Aktien mit hohen Dividendenrenditen zu investieren oder immer höhere Aufschläge für – notfalls auch geringes – Wachstum zu zahlen. Auf Nummer sicher gehen konnte man nur, wenn man dem deutschen Staat zu lächerlich niedrigen Zinsen Geld lieh. So entstand der selbstzufriedene Pessimismus.

Hinweise auf eine weltweite Erholung

Seit Mitte letzten Jahres jedoch verfestigten sich die Hinweise auf eine weltweite Erholung, wenngleich die Diskussion durch aktuelle globale politische Krisen bestimmt wurde. Umfragen unter Einkaufsmanagern und Verbrauchern sowie die Daten aus dem verarbeitenden Gewerbe und die Arbeitsmarktstatistiken deuteten allesamt auf eine Zunahme der wirtschaftlichen Aktivität hin. An die Stelle des Gespenstes der Deflation trat die Angst vor Inflation. Der Rentenmarkt befreite sich aus seiner Benommenheit, und die Renditekurve verschob sich nach oben.

Die Zentralbanken nehmen Notiz von dieser Veränderung. Die US-Notenbank Fed hat bereits mit Zinserhöhungen begonnen, und die EZB wird zu gegebener Zeit nachziehen. Banken ändern ihre Kreditvergabepolitik und dies aus gutem Grund: Die Krise ist am Abklingen, und die Aussichten hellen sich auf. Ende 2016 kam dann der große Schock – Europa hatte ein höheres Wirtschaftswachstum erreicht als die USA.

Es dauerte jedoch lange, bis die Anleger auf diese neue Situation reagierten. Den Großteil des Jahres waren sie damit beschäftigt, europäische Aktien abzustoßen. Nach fünf Jahren mit mickrigen Wachstumsraten hatten europäische Unternehmen die Geduld ihrer Anleger endgültig überstrapaziert. Letztere suchten das Weite und verkauften Aktien im Umfang von insgesamt 100 Milliarden US-Dollar. Der Zeitpunkt hätte kaum schlechter gewählt sein können.

Analysten ließen zu große Vorsicht walten

In diesem Jahr ist bei europäischen Aktien mit einem Ertragswachstum von knapp 15 Prozent zu rechnen. Schenkt man den Zahlen der aktuellen Berichtssaison Glauben, könnte dieses Plus sogar noch höher ausfallen. Nachdem Analysten jahrelang zu optimistisch in Bezug auf europäische Aktien waren, ließen sie Anfang 2017 zu große Vorsicht walten. Von 2013 bis 2016 erwarteten sie regelmäßig zu Jahresbeginn, dass die Unternehmensgewinne steigen würden, mussten allerdings im weiteren Jahresverlauf diese optimistischen Prognosen zurücknehmen.

Nur 2017 ist es anders. Von Abwärtskorrekturen kann in diesem Jahr keine Rede sein, denn die Analystengemeinde hat die Lage zunächst zu pessimistisch eingeschätzt und korrigiert deshalb die Prognosen seit Jahresbeginn nach oben. Dies ist eine unübersehbare und zugleich positive Veränderung. Und es ist nicht die einzige. Erstmals seit vielen Jahren erfolgen die deutlichsten Aufwärtskorrekturen bei zyklischen Titeln, während die teuren Defensivwerte das Nachsehen haben. Warum also, fragen wir uns, werden diese Defensivwerte immer noch zu solch hohen Aufschlägen gehandelt, obwohl doch die günstigeren zyklischen Aktien die Nase vorn haben?