Marktperspektive China „Chinesen verstehen die Börse als eine Art Kasino“

Baustelle in Peking: Der Schuldenaufbau und die damit verbundene Blasenbildung im Immobiliensektor ist eine Herausforderung für Chinas Wirtschaft. | © Getty Images

Baustelle in Peking: Der Schuldenaufbau und die damit verbundene Blasenbildung im Immobiliensektor ist eine Herausforderung für Chinas Wirtschaft. Foto: Getty Images

Im März tagte Chinas Nationaler Volkskongress. Was waren die wichtigsten Ergebnisse?

Martin Lück

          Martin Lück

Martin Lück: Bemerkenswert ist vor allem die Absenkung des Wachstumsziels für das Bruttoinlandsprodukt auf 6,5 Prozent für 2017, nach 6,7 Prozent im Vorjahr. Immerhin wäre dies das schwächste Wachstum seit 27 Jahren. Mit dem vorsichtigen Absenken der Wachstumsziele versucht die chinesische Führung, dem Risiko einer harten Landung vorzubeugen. Ferner war das Bekenntnis von Ministerpräsident Li Keqiang wichtig, dass man ausländische Firmen fair behandeln und offen für Handel und Investitionen aus dem Ausland bleiben wolle. Damit versucht die Regierung wohl zu verhindern, dass der Eindruck eines drohenden Handelskrieges mit den USA entsteht.

Wird China denn das gesenkte Wachstumsziel erreichen?

Lück: Das Wachstumsziel ist, insbesondere für 2017, alles andere als ambitioniert und sollte sicher erreicht werden. Zurzeit deuten die Frühindikatoren sogar eher auf eine leichte Beschleunigung gegenüber dem Vorjahr hin. Fraglich ist allerdings, ob wir eine solche Zahl, die für die Regierung mit Blick auf die anvisierte sanfte Landung eher unerwünscht wäre, dann tatsächlich in den offiziellen Statistiken sehen werden. Eine andere Herausforderung ist der Umbau der Wirtschaft, hin zu eher von Dienstleistungen und Konsum getriebenem Wachstum. Dieses Ziel existiert zwar weiterhin im offiziellen Sprachgebrach, scheint aber seit 2015 etwas in den Hintergrund getreten zu sein.

Mit welchen anderen großen Herausforderungen hat China zurzeit zu kämpfen?

Lück: Es sind vor allem Probleme, die mit dem enormen Wachstum der vergangenen Jahrzehnte und dem damit einhergehenden Umbau der Gesellschaft zu tun haben. Dazu zählt in erster Linie die Alterung der Bevölkerung infolge der Ein-Kind-Politik, die China heute zu einem schnellen Aufbau der Altersvorsorge zwingt. Auch hat das industriegetriebene Wachstum eine fortschreitende Umweltzerstörung zur Folge, die für die zunehmend wohlhabenden Stadtbewohner die Lebensqualität dramatisch einschränkt. Darüber hinaus ist die Korruption in weiten Teilen der staatlichen und halbstaatlichen Wirtschaft problematisch sowie der exorbitante Schuldenaufbau und die damit verbundene Blasenbildung, etwa im Immobiliensektor großer Städte.

Stellt die starke Verschuldung, vor allem der Unternehmen, eine Gefahr dar?

Lück: Die Verschuldung ist in zweierlei Hinsicht ein Problem. Erstens führt sie zu einer ineffizienten Allokation von Kapital und damit zur Blasenbildung. Rein spekulativ errichtete Geisterstädte in der Inneren Mongolei oder die inzwischen für Wohnraum in Peking aufgerufenen Mondpreise bilden die Kehrseite dieser Art von Makrosteuerung. Zweitens dürfte die chinesiche Führung irgendwann zu einer Art von Umschuldung gezwungen sein. So könnte etwa die People’s Bank of China einen Teil der Schulden aufkaufen und dann, so still und heimlich wie möglich, abschreiben. Die entscheidende Frage wird sein, ob diese Maßnahmen gelingen, ohne Verwerfungen an den Finanzmärkten auszulösen.

Könnte es zu einem Handelskrieg mit den USA kommen?

Lück: Ein Handelskrieg ist weder im Interesse Chinas noch der USA. Insofern erwarte ich eine Lösung, die eine drastische Verschlechterung der Handelsbeziehungen vermeidet. Zum Beispiel könnte die chinesische Regierung den Renminbi auf dem gegenwärtigen Niveau stabilisieren, die US-Regierung im Gegenzug auf Strafzölle verzichten. Sollte dagegen die Lage wirklich Richtung Handelskrieg zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt eskalieren, wären die Folgen verheerend. Der dann zu erwartende Einbruch des Welthandels dürfte vor allem offene, exportorientierte Länder treffen, darunter Deutschland.

Wie sind die Aussichten für chinesische Aktien?

Lück: Ein großes Problem des chinesischen Aktienmarktes besteht darin, dass viele Privatanleger die Börse als eine Art Kasino verstehen. Es wird mitunter wild gezockt, gern auch über das Mobiltelefon. Angesichts der gleichzeitig vorhandenen Marktenge und -regulierung führt dies gelegentlich zu kaum berechenbaren Kursausschlägen. Dies macht vor allem den Markt für A-Aktien, also den Aktienhandel auf dem Festland, weiterhin eher riskant. Fundamental glaube ich an die Attraktivität chinesischer Aktien, würde aber wegen des professionelleren Handels H-Aktien, also den Markt in Hongkong, vorziehen.