Martin Hüfner: „Aktien leben derzeit von der Jahresendhausse“

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon

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Wie werden aus einer Staatsschuldenkrise eine Banken- und dann eine allgemeine Wirtschaftskrise? Genau das ist in den letzten zwei Jahren im Euroraum geschehen. Zuerst waren es nur die Staatsschulden, die Sorgen machten. Dann wurden plötzlich die Banken schwach. Und jetzt fürchten viele, dass die gesamte Währung auseinanderfallen könnte und dass es eine große Rezession gibt. So etwas hatte am Anfang niemand auf dem Radarschirm.

Die Eurokrise: Was geschehen ist

Der übliche Übertragungsweg solcher Krisen ist relativ einfach. Die hohen Staatsschulden werden zu einem großen Teil von den Banken gehalten. Banken brauchen diese Papiere zur Refinanzierung bei der Notenbank. Zudem müssen sie dafür – anders als für Kredite an die Unternehmen – kein Eigenkapital vorhalten (aufgrund der aufsichtsrechtlichen Regelungen).

Wenn sich nun die Bonität der Staaten verschlechtert, wie zuerst in Griechenland und dann in anderen Staaten geschehen, dann steigen die Renditen dieser Papiere und die Kurse fallen. Wertberichtigungen werden erforderlich. Die Banken haben weniger Geld um Kredite an Unternehmen auszuleihen.

Es sollte also niemand überrascht sein, wenn aus einer Staatsschulden- eine Bankenkrise wird. Aber dass es so heftig kommt, wie dies in den vergangenen Monaten geschah, war nicht erwartet worden. Immerhin hatten die Kreditinstitute einen Teil ihrer Staatspapiere in der Zwischenzeit an die Europäische Zentralbank verkauft und damit ihre Bilanzen entlastet. Es musste also noch etwas an¬deres dazu kommen, was die Krise so verstärkt hat.

Das war in der Tat der Fall. Es war das sogenannte PSI-Programm (Private Sector Involvement), also der Beschluss, dass die Banken auf 50 Prozent ihrer Griechenland-Forderungen "freiwillig" verzichten sollten.

Gute Idee mit Spätfolgen

An sich ist diese Idee nicht abwegig. Die Rettungsaktion wird auf breitere Schultern verteilt. Zudem können die Politiker den schwarzen Peter an Institutionen weiter-geben, die in der Öffentlichkeit nicht so gut angesehen sind. Die Banken sind indirekt an der Entstehung der Schulden beteiligt, weil sie die Papiere damals kauften und damit die Defizite ermöglichten.

Durch das PSI erhöhen sich freilich die Lasten der Banken. Damit daraus keine Gefährdung des Finanzsystems insgesamt wird, beschlossen die Staats- und Regierungschefs, die Anforderungen an die Eigenkapitalausstattung der Banken zu erhöhen. Damit sollten die Häuser in die Lage versetzt werden, auch größere Ab-schreibungen zu verkraften.

Freilich wurden damit nicht nur Institute belangt, die griechische Papiere in ihrem Portefeuille hielten und damit einen Verzicht leisten sollten, sondern alle. Damit stand mit einem Mal die Kreditwirtschaft insgesamt unter Stress.

Was war die Folge? Angesichts der schlechten Verfassung der Kapitalmärkte sind die Banken nicht in der Lage, das zusätzliche Kapital bei den Aktionären zu bekommen. Zum Staat wollen sie aufgrund der Erfahrungen im Jahr 2009 aber auch nicht gehen. Also bleibt nur der Weg, Vermögensgüter zu verkaufen, die nicht unbedingt zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebes notwendig sind und das Aktivgeschäft zurück zu fahren.

Gerade letzteres führt derzeit zu erheblichen Schwierigkeiten. Zum einen erwerben die Banken keine oder nur noch wenige Neuemissionen an Staatspapieren. Die Refinanzierung der Haushaltsdefizite wird noch schwieriger. Das gilt nicht nur für die Sünderstaaten, sondern auch für Deutschland.

Die Renditen für Bundesanleihen sind in den vergangenen Wochen zeitweise um mehr als einen halben Prozentpunkt gestiegen. Sie lagen vorübergehend über denen für britische Gilts und amerikanische Treasuries, obwohl diese Länder selbst eine höhere Staatsverschuldung haben. Die Eurokrise hat sich verschärft.