Mehr als nur Rohstoffe Deshalb ist Australien einer der interessantesten Aktienmärkte der Welt

Ekkehard J. Wiek, Vermögensverwalter und Asien-Fondsmanager bei Straits Invest in Singapur

Ekkehard J. Wiek, Vermögensverwalter und Asien-Fondsmanager bei Straits Invest in Singapur

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Der Gelehrte Donald Horne, einer der herausragenden Intellektuellen Australiens schrieb vor einem halben Jahrhundert über den fünften Kontinent: „Australien ist ein glückliches Land, das größtenteils von zweitklassigen Typen regiert wird, die hoffen, dass sein Glück auf sie abfärbt.“

Nun steht es uns nicht zu, die Qualität der australischen Regierungen in den vergangenen Jahrzehnten zu beurteilen, so wie es Professor Horne einst tat. Doch muss man festhalten, dass es zeitweise durchaus Tendenzen gab, mit dem Glück des Landes nicht angemessen umzugehen.

Segen und Fluch des Reichtums


Australien ist unfassbar reich an Bodenschätzen. Auf dem fünften Kontinent liegen mehr Kohle, Erz, Gold und Uran als in den nächsten hundert Jahren verkauft werden könnten. Hinzu kommen riesige Mengen an unkonventionellem Gas, die gerade erst exploriert werden und deren Vorkommen noch gar nicht abgeschätzt werden können. Und genau dieser Reichtum hat das Land lange Zeit verführt und nachlässig gemacht.

Im menschenleeren entlegenen Nordwesten des Landes, dort wo die großen Lagerstätten der Rohstoffe überwiegend zu finden sind, konnte man in den letzten Jahrzehnten steinreich werden. Dazu musste man nicht Minenbesitzer sein, es reichte, wenn man einen Führerschein besaß.

Handwerker oder Lastwagenfahrer konnten im Outback hohe sechsstellige Gehälter verdienen, wenn sie bereit waren, den Staub, die Hitze und die Einsamkeit rund um die Minen zu ertragen.

Die Anziehungskraft der Rohstoff-Eldoraden war so groß, dass man Sydney oder Melbourne wochenlang auf einen Klempner oder Elektriker warten musste, denn die meisten Handwerker zogen die lukrativen Verträge im Bergbau vor.

Krankenschwestern oder Lehrer litten unter den Verhältnissen, vom Rohstoffboom spürten sie vor allem die steigenden Preise für Lebenshaltung und die explodierenden Immobilienpreise. Das Riskanteste an der einseitigen Ausrichtung auf die Rohstoffexporte aber war das ausgeliefert sein an die wirtschaftliche Entwicklung in den Importländern – vor allem an die in China.

Das Land saugt wie ein Schwamm alles auf, was Australiens roter Boden hervorbringt. Jeder Anstieg, aber auch jede Abschwächung in Chinas Entwicklung war bei den Minengesellschaften zu spüren.

Australien bietet mehr als Rohstoffe


Doch mittlerweile besinnt sich Australien darauf, dass es noch weit mehr zu bieten hat, als die Unmengen von Rohstoffen, nach denen die aufstrebenden Ökonomien Asiens dürsten. Dominiert wird Australiens Wirtschaft längst nicht mehr vom Rohstoff-Sektor.

Vielmehr trägt der Dienstleistungssektor zu knapp 80 Prozent zum BIP bei. Größte Einzelbereiche sind Finanzen, Immobilien und Unternehmensdienstleistungen. Landwirtschaft- und Bergbau standen zuletzt für einen BIP-Anteil von 10 Prozent. Aufstrebende Branchen sind die Informations- und Kommunikationstechnologie, E-Commerce, Bio-, Nano- und Medizintechnologie.

Der vom deutschen Bundeswirtschaftsministerium herausgegebene Informationsdienst „German Trade & Invest“ sieht in diesen Bereichen regelmäßig die größten Chancen für deutsche Unternehmen die auf dem fünften Kontinent investieren wollen.

Kaum ein anderes Land ist zudem so rührig wie Australien, wenn es darum geht, bilaterale Freihandelsallianzen zu schmieden. Natürlich steht hier der boomende asiatische Raum in Vordergrund.

Nachdem bereits ein Freihandelsabkommen mit Südkorea geschlossen werden konnte, unterzeichnete die Regierung Abbott vor wenigen Tagen nach schwierigen Verhandlungen ein Abkommen mit Japan.

Jetzt zielen die Bemühungen auf ein Freihandelsabkommen mit China ab. Es könnte der australischen Wirtschaft zu einem ungeahnten Aufschwung verhelfen.