Michael Hasenstab: „Irland könnte zur Patentlösung für Europa und die USA werden“

Michael Hasenstab

Michael Hasenstab

// //

Michael Hasenstab ist Co-Direktor des Internationalen Bond-Department der Franklin Templeton Fixed Income Group. Er managt unter anderem den Templeton Global Bond Fund (WKN: 749655) und den Templeton Global Total Return (A0KEDJ).

Steht man vor einem schier unlösbaren Problem, ist die Versuchung groß, wie ein Strauß den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass es sich verflüchtigt. Das wird US-Politikern in Bezug auf das Staatsdefizit von einer Billionen US-Dollar (773 Milliarden Euro) nachgesagt.

Die unheilvoll anmutende Kombination aus automatischen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen – die sogenannte Fiskalklippe, ein überstürzter Plan, den festgefahrene Politiker im vergangenen Jahr fassten –, macht die USA nervös.

Wie fühlt man sich auf einer Klippe? Möchte man instinktiv zurückweichen? Oder springen? Oder einen sicheren Übergang über den Abgrund bauen?

Was der Kongress tun wird (oder nicht), um die auf den 1. Januar 2013 terminierten Maßnahmen zu ändern oder hinauszuschieben, und welche längerfristigen Lösungen für das Defizitproblem vorgeschlagen werden, bleibt abzuwarten.  

Sorgenkind US-Politiker

Es gibt kein Universalrezept für die Volksvertreter. Jedoch können Parallelen gezogen werden zwischen den fiskalpolitischen Herausforderungen der USA und den Erfahrungen eines Landes, das selbst vor steilen Klippen steht: Irland. 

Wenn die US-Politik nicht vor Jahresende handelt, dürften die anberaumten breiten Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen den Prognosen vieler Wirtschaftsexperten zufolge kräftig aufs Wachstum drücken und könnten die Wirtschaft über die „Klippe“ in eine Rezession stürzen.

Derzeit besteht eine wachsende Gefahr durch den anhaltenden politischen Stillstand in den USA. Meines Erachtens machen viele Politiker die Augen zu. Vielleicht begreifen sie das Ausmaß der Misere nicht. Und die Politiker, die die fiskalpolitischen Probleme erkennen, können nichts dagegen tun. Die Wahl dürfte daran nichts ändern. Ich gehe davon aus, dass die USA weiter Zeit schinden werden.

Wissen kann man das nicht, aber ich glaube, dass die Politik tut, was die Politik am besten kann – das Problem vertagen. Werden die fiskalpolitischen Fragen aufgeschoben, hat das den Vorteil, dass es nicht zu der dramatischen Fiskalklippe kommen dürfte, die viele prophezeien. Möglicherweise werden manche der vorgesehenen Einschnitte verschoben oder Steuererhöhungen reduziert.

Langfristige fiskalpolitische Probleme würden dadurch zwar nicht gelöst und blieben daher bestehen, doch negative Folgen fürs Wachstum könnten kurzfristig vermutlich – zumindest etwas – gedämpft werden.

Das Grundproblem bleibt aber, und irgendwann werden wir den Preis für verantwortungslose Fiskalpolitik zahlen müssen, der zum Teil in höheren Zinsen besteht. Ein Blick auf Europa genügt, um zu erkennen, was mit den Renditen von US-Staatsanleihen passieren könnte, wenn der Markt das Vertrauen in langfristige Fiskalprogramme verliert. Ich sage aber nicht, dass es so kommen muss.