Mobius: „Ein Wachstum von 7,5 Prozent ist doch keine Verlangsamung“

Mark Mobius ist dauernd unterwegs, um sich vor Ort ein Bild von den Emerging Markets zu machen. Hier besucht er den Eisenerzförder Sesa Goa in Indien.

Mark Mobius ist dauernd unterwegs, um sich vor Ort ein Bild von den Emerging Markets zu machen. Hier besucht er den Eisenerzförder Sesa Goa in Indien.

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Der Markt hat offensichtlich mittlerweile die Wachstumsverlangsamung in China akzeptiert. Rechnen Sie mit einer weiteren Abkühlung der chinesischen Konjunktur oder gehen Sie davon aus, dass das gegenwärtige Wachstum von 7 bis 8 Prozent dauerhaft gehalten werden kann?

Mark Mobius: Die Möglichkeit einer konjunkturellen Verlangsamung in China ist ein großer Sorgenpunkt. Die brennende Frage ist, ob die Wirtschaft des Landes eine sanfte oder eine harte Landung erleben wird. Nach meiner Meinung wird China überhaupt nicht landen, sondern weiter fliegen. Wie kann man von einer Verlangsamung sprechen, wenn für 2012 in China ein Wachstum von mindestens 7,5 Prozent erwartet wird?

Eine harte Landung wird üblicherweise mit einem rapiden Abgleiten in eine Rezession gleichgesetzt. Davon kann meines Erachtens derzeit keine Rede sein. Als sanfte Landung würde eine Wachstumsabschwächung auf 2 oder 3 Prozent gelten, womit ebenfalls nicht zu rechnen ist. Eine Wachstumsabschwächung von 8 auf 7 Prozent oder von 10 auf 8 Prozent hat überhaupt nichts mit einer „Landung“ zu tun.

Wir gehen davon aus, dass die chinesische Wirtschaft in absehbarer Zeit jährlich weiter mit einer Rate von 7 bis 8 Prozent wachsen wird. Gewisse Schwankungen sind möglich, da sich die Wirtschaft in einem Wandel befindet und die weltwirtschaftliche Lage nach wie vor unsicher ist. Insgesamt ist dieses Niveau unseres Erachtens jedoch nachhaltiger Natur. Möglicherweise wächst China mit einer langsameren Geschwindigkeit. Gleichzeitig nimmt jedoch die Abhängigkeit des Wachstums von Exporten und Investitionen ab, worüber sich die Anleger eigentlich freuen sollten.

Ein weiterer Grund, der eine weiterhin positive Einschätzung der chinesischen Wirtschaft rechtfertigt, ist die demografische Entwicklung. Im Vergleich mit den Industrieländern ist der Arbeitsmarkt nach wie vor äußerst wettbewerbsfähig. Außerdem kann die Regierung vielfältige Reformen zur Verbesserung der Produktivität umsetzen, so zum Beispiel eine Senkung der Unternehmenssteuer, die Privatisierung weiterer staatlicher Unternehmen, die Liberalisierung der Zinsmärkte, um so kleinere und mittlere Unternehmen zu unterstützen, und die Reform des Hukou-Systems, die eine bessere Allokation der Arbeitsressourcen mit sich bringen könnte.

Welche Vorteile oder Chancen bietet der Markt für A-Aktien derzeit?

Mobius: Die Anleger haben eine viel größere Auswahl an den Märkten für A-Aktien. Dort sind viel mehr Unternehmen notiert als am Markt für H-Aktien, und auch die Anzahl der in Hongkong notierten Unternehmen mit Bezug zu China wird deutlich überstiegen. Anders als der Hongkonger Markt, der von Banken und Telekommunikationsunternehmen dominiert wird, weisen die Märkte für A-Aktien eine ausgewogenere Verteilung auf.

So sind zum Beispiel Engagements bei Pharma-, Konsum- oder Biotech-Unternehmen möglich. Außerdem sind zahlreiche mittelständische Privatunternehmen am A-Aktienmarkt vertreten, deren Unternehmensleitungen oftmals äußerst dynamisch und rührig sind. Auf lange Sicht könnten sich diese Unternehmen nach unserer Einschätzung sehr gut entwickeln. Auf der kommenden Seite geht es um die aktuellen Bewertungen von A- und H-Aktien und die Reformbemühungen Chinas.