„Modell Deutschland über alles“

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon

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Wenn man sich in diesen Tagen die Stimmen der Experten zur deutschen Konjunktur anhört, könnte man ein gutes Gefühl haben. Die Welt scheint in Ordnung.

Zuerst hat der Internationale Währungsfonds seine Prognosen für 2012 und 2013 nach oben revidiert. In der vergangenen Woche zogen die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Gemeinschaftsgutachten nach. Nach ihren Zahlen soll das reale Bruttoinlandsprodukt in Deutschland in diesem Jahr um 0,9 Prozent expandieren, im nächsten um 2 Prozent.

Die deutsche Konjunktur ist "im Aufwind" schreiben sie. Das ist mir zu viel Optimismus. Es passt so gar nicht zu den vorsichtigen Aussagen, die man in den Ausblicken der Unternehmen liest.

Sicher kann man nicht leugnen, dass die deutsche Wirtschaft im Augenblick, wie man im Sport sagen würde, einen "Run" hat. Es scheint einfach alles zu stimmen. Das Geschäftsklima verbessert sich. Die Exporte nehmen zu. Die Einkommen der privaten Haushalte steigen durch Lohnerhöhungen und durch die Zunahme der Beschäftigung. Der Wechselkurs ist nicht ungünstig. Die Zinsen sind niedrig. Das hilft Investitionen und Bau.

Deutsche Unternehmensstärke

Die üblicherweise sehr deutschland-kritische britische Zeitschrift "Economist" spricht in einer Sonderbeilage vom "Modell Deutschland über alles": "Much of the rich world is fascinated by Germany" (Ein Großteil der Welt ist von Deutschland fasziniert).

Die deutschen Unternehmen sind gut aufgestellt. Sie haben notwendige Restrukturierungen durchgeführt. Sie investieren kräftig (2011: plus 7,6 Prozent real). Der langfristige Wachstumstrend zeigt wieder nach oben (siehe Grafik). Deutschland ist das einzige Industrieland, in der die Arbeitslosigkeit trotz Krise zurückgegangen ist. Ich wäre nicht überrascht, wenn das deutsche Wachstum in diesem Jahr am Ende sogar etwas höher ausfallen würde als die Institute erwarten (zirka ein Prozent).

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Düstere Wolken am Horizont


Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Deutschland ist nicht allein in der Welt. Wenn der Himmel einstürzt, so sagt man, dann können auch die Tauben nicht mehr fliegen. Die Wirtschaftsforscher beschreiben zwar auch die Risiken der Weltwirtschaft. Aber das, was im nächsten Jahr auf uns zukommt, ist mehr als nur ein Risiko. Es ist ein schweres Gewitter.

Erstens wird sich das Wachstum in den Vereinigten Staaten deutlich verringern. In diesem Jahr profitiert
die dortige Wirtschaft noch von der Erholung aus der Schwächephase. Die Fiskalpolitik ist wie in jedem Jahr, in dem der Präsident neu gewählt wird, expansiv.

Im nächsten Jahr wird sich das jedoch ändern. Nach der Wahl muss der Präsident – wer es auch immer sein wird – das Problem der hohen Verschuldung des Staates angehen. Vermutlich werden die temporären Steuersenkungen aus den Jahren 2001 und 2003 nicht verlängert. Vielleicht werden (selbst von den Republikanern) auch zusätzliche Steuern erhoben.

In jedem Fall wird bei den Ausgaben gespart. Das wird das gesamtwirtschaftliche Wachstum in den USA spürbar verlangsamen. Auch der amerikanische Automarkt wird dann nicht mehr so boomen.