Nach dem Kursrutsch Die verzweifelte Suche nach vermeintlich „vernünftigen“ Erklärungen

Ulrich Harmssen, Apella:  „Zu unterstellen, dies wäre aus Angst vor weiter steigenden Zinsen in den USA geschehen, ist absolut reine Spekulation.“ | © Apella

Ulrich Harmssen, Apella: „Zu unterstellen, dies wäre aus Angst vor weiter steigenden Zinsen in den USA geschehen, ist absolut reine Spekulation.“ Foto: Apella

Nachrichten machen die Kurse? Oder ist es nicht so, dass die Kurse die Nachrichten machen? Wie so oft im Leben, ist auch wohl hier ein komplexer Hintergrundprozess zu beobachten, der obige Fragen nicht einfach beantworten lässt!

Krampfhafte Suche

Klar, es gibt Nachrichten, die sich sofort unmittelbar auf die Kurse auswirken (Terroranschläge, Naturkatastrophen, Kriege, Unternehmensnachrichten etc.). Aber häufig ist auch zu beobachten, dass überraschende Kursentwicklungen ohne erkennbar rationale Gründe stattfinden. 

Die Gemeinde der Börsianer versucht dann krampfhaft, sich derartige Entwicklungen trotzdem „ vernünftig“ erklären zu können. Dahinter steht vermutlich das tief in uns verwurzelte verzweifelte Bemühen um Erklärbarkeit in einer bisweilen eben unerklärbaren Wirklichkeit. 

Und so kommt es denn bei jedem vermeintlich dramatischen Event an den Börsen dazu, dass der erste sogenannte Experte damit beginnt, irrationale Marktbewegungen rational erklären zu wollen.

Klingt dies einigermaßen plausibel, setzt die inzwischen leider weit verbreitete Kultur des „Copy und Paste“ ein; die vermeintlich rationale Erklärung verbreitet sich rasend schnell (mit immer neuen Urhebern) und schon ist sich die Gemeinde der Börsianer einig über die Beurteilung der Gründe für eine eigentlich erratische Kursbewegung. Spätestens dann landen Abends Meldungen über größere Kursverluste an den Börsen mit den dazu passenden Erklärungen (wie schön!) in den Nachrichtensendungen des Fernsehens an prominenter Stelle.

Es könnte sein, dass die Ursachen für die Kursbewegungen der letzten Tage sehr viel einfacher zu erklären sind!

Wir sind uns sicher einig darüber, dass Kurse an Börsen durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage entstehen. Daraus ergibt sich (messerscharf geschlossen), dass in den letzten Tagen mehr Angebot als Nachfrage zu fallenden Kursen geführt hat; offenbar haben sich einige Investoren – aus welchem Grund auch immer – dazu entschlossen, ihre Positionen glattzustellen. Zu unterstellen, dies wäre aus Angst vor weiter steigenden Zinsen in den USA geschehen, ist absolut reine Spekulation; stattdessen sind eine Vielzahl von Gründen denkbar…

Nun gibt es mittlerweile (leider) viele sehr zyklisch agierende Marktteilnehmer, die bei Erreichen bestimmter Schwellenwerte automatisch Verkaufsorders generieren (häufig sind sogar diese Schwellenwerte identisch!). Computerbasierte Handelssysteme, Risk Parity Konzepte, Short Vola, CTAs etc. setzen so Spiralen in Gang, die schnell zu einem sich immer weiter verstärkendem Abgabedruck und dann zu eimem sogenannten Flash Crash führen können.

Wenn dann noch institutionelle ETF Investoren (die im Schnitt  häufiger traden, als Anleger von aktiv gemanagten Investmentfonds) dazu kommen, ist die Abwärtsspirale perfekt. Dies scheint jedoch – glücklicherweise – in den letzten Tagen nicht der Fall gewesen zu sein.

Erst wenn alle durch den engen Flaschenhals wollen, erst dann haben wir den perfekten Sturm! 

Autor Ulrich Harmssen ist Direktor Investmentfonds beim Maklerpool Apella.