Nach Unisex: 65 Prozent der PKV-Tarife sind weggefallen

Gerd Güssler

Gerd Güssler

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Ausgehend von den Anforderungen an eine substitutive Krankenversicherung hätte ein PKV-Interessent vor der Unisex-Einführung am 21. Dezember 2012 grundsätzlich die Wahl aus 2.293 Tarifangeboten der PKV-Anbieter in der Bisex-Welt gehabt. 1.518 waren es bei Anlegen von grundsätzlichen Kriterien, die eine PKV generell ausmachen – Wahlleistungen zum Beispiel. Das zeigen Berechnungen aus der KVpro-Tarifdatenbank Lux mit einer Marktabdeckung von 99 Prozent.

Mit der Umstellung auf Unisex haben die Unternehmen ihre Tarifwelten teils gründlich gelichtet und geliftet. Vieles ist neu. Mit Unisex wurde die PKV praktisch neu erfunden. Heute stehen einem neuen PKV-Interessenten noch 787 Tarifkombinationen auf grundsätzlichem PKV-Niveau zur Auswahl. Je nach Betrachtungsweise eine Reduzierung der Tarifangebote mit Einführung von Unisex um 65 oder 50 Prozent im Vergleich zum alten Bisex-Markt.

Weniger Haftungsfallen durch klarere Bedingungen

Selbstverständlich sind diese neuen Unisex-Tarifangebote nach den persönlichen Präferenzen des Verbrauchers (Was soll mir der Versicherer, sprich Tarif, im Leistungsfall bezahlen? Was bezahle ich selbst?) für eine Kaufentscheidung weiter zu differenzieren. Für den Vertrieb wird die Produktauswahl für Neukunden einfacher. Auch die Haftungsfallen und Risiken werden aufgrund der Klarstellungen in den Allgemeinen Versicherungsbedingungen (AVB) etwa im Hilfsmittelbereich geringer.

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Eines hat sich auch in der neuen, geschlechterneutralen Tarifwelt nicht geändert: Vertrieb und Verbraucher sollten sich bei jedem Angebot die „VW“-Formel – Von was? / Verglichen mit was? / Von was wie viel?“ vor Augen halten und stets hinterfragen, welche Leistungen in Prozent und Euro bei welchem Tarif wirklich beinhaltet sind. Dass sich eine nähere Betrachtung durchaus lohnen kann, zeigt sich anhand der Umsetzung der sogenannten Mindestkriterien am Beispiel der Psychotherapie.

Die Empfehlung des PKV-Verbandes – Erstattung von 50 Sitzungen bei ambulanter Psychotherapie – kann entweder zu 100 Prozent oder zu 70 Prozent Erstattung in den AVB stehen, was wiederum in Euro ein deutlicher Unterschied ist. So erklärt es sich auch, dass der Tarif-Beitrag in Unisex im Vergleich zu Bisex nicht höher ist, wenn der Tarif in Bisex 35 Sitzungen zu 100 Prozent und in Unisex 50 Sitzungen zu 70 Prozent erstattet.

Mindestleistung erfüllt, grüner Haken, Produkt gekauft … aber

In der Erstattung in Euro hat sich nichts geändert, denn 70 Prozent aus 50 Sitzungen ist in Euro so viel wie 35 Sitzungen zu 100 Prozent. Werbetechnisch heißt es dann jedoch: Mindestkriterium 50 Sitzungen erfüllt. Grüner Haken. Produkt gekauft. Das Produkt ist augenscheinlich billiger. Und im Leistungsfall kommt die Enttäuschung des Verbrauchers, mit den bekannten negativen Folgen – auch in den Medien. Darum ist es wichtig, dass der Verbraucher im Vorfeld genau aufgeklärt und informiert wird, damit er weiß was er kauft.

Ein halbes Jahr nach Einführung der einheitlichen Tarif-Welt wird die Sicht auf Produkte und Strategien der Versicherer klarer, es lassen sich erste konkrete Rückschlüsse ziehen. Viele Versicherer nutzen mit Einführung der Unisex-Tarife die Chance, ihre Produktpalette teils gründlich zu Bereinigung und zu „tunen“.

Wer nicht nachjustieren muss

Keinen beziehungsweise den geringsten „Modernisierungsbedarf“ haben dabei jene Unternehmen, die schon immer, also auch in der „alten Bisex-Welt“, starke Top-Produkte (bezogen auf die existenziellen Risiken aus Sicht des Verbrauchers) hatten. Beispiele: Alte Oldenburger, Inter, Mannheimer, R+V, Universa. Diese führen Ihre Bisex-Produkte unisexkalkuliert für das Neugeschäft weiter.

Der Änderungsbedarf beschränkte sich im Wesentlichen auf die mit Unisex erforderliche geänderte Kalkulation (Sicherheitszuschlag, Rechnungszinsabsenkung). Prozentual und in absoluten Euro sind hier auch die geringsten Beitragssteigerungen zu beobachten. Werthaltige Bisex-Tarife bieten darüber hinaus auch Allianz, Arag, Axa, Deutscher Ring, Hallesche, Huk, Nürnberger, SDK und Signal, die ihre Produkte– teils in der Anzahl stark bereinigt und ausgedünnt – in der Unisex-Welt fortführen. Wie sich die Beiträge durch die Unisex-Umstellung geändert haben, lesen Sie auf der kommenden Seite.