Robert Halver Europa verpennt den Standort-Wettbewerb

 Ivanka Trump (links), Tochter von US-Präsident Donald Trump, und Siemens-Chef Joe Kaeser: Siemens will in den USA investieren. | © Getty Images

Ivanka Trump (links), Tochter von US-Präsident Donald Trump, und Siemens-Chef Joe Kaeser: Siemens will in den USA investieren. Foto: Getty Images

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Im medialen Dauerfeuer über Trumps Türsteher ähnliches Verhalten geht verloren, dass sich Amerika immer mehr zu einem hochattraktiven Wirtschaftsstandort entwickelt. Neben seiner bereits bekannten Innovations- und Digitalisierungsfreundlichkeit sorgt die Unternehmenssteuerreform dafür, dass aus einem Hochsteuer- ein Niedrigsteuerland wird. US-Konzerne werden mehr im Vaterland investieren, auch indem sie Auslandsvermögen in die Heimat zurückbringen. Steuersenkungen sind die am schnellsten wirkende volkswirtschaftliche Droge.    

Der internationale Wettkampf um den besten Standort ist eröffnet

Wenn einem in Amerika so viel Schönes wird beschert, das sind auch deutsche Investitionen wert. Haben Sie gesehen, wer beim amerikanischen Wirtschaftsdinner im Rahmen des Weltwirtschaftsforums in Davos links neben Trump saß? Es war nicht ein üblicher Verdächtiger, ein amerikanischer Vorstandschef eines US-Weltkonzerns.

Er hatte zwar einen amerikanischen Spitznamen, aber es war Joe Kaeser, Vorstandschef von Siemens, der auch noch frei von der Leber weg sagte: „Weil Sie (d.h. Trump) so erfolgreich mit der Steuerreform waren, haben wir entschieden, die nächste Generation von Gasturbinen in den Vereinigten Staaten zu entwickeln.“ Das anschließende Grinsen Trumps entsprach dem eines  Fuchses, dem die Tür zum Hühnerstall geöffnet wurde.

Direkt neben dem Paten

Der Sitzplatz von Herrn Kaeser direkt neben Godfather Trump war kein Zufall. Der US-Präsident wollte allen Unternehmen der Welt seine Interpretation des Matthäus-Evangeliums nahe bringen: Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid durch ausländische, hochbesteuerte und reformunfreundliche Standorte. Ich will Euch erquicken.

Und was dem deutschen Industriegiganten Siemens recht ist, wird ebenso für andere deutsche Industriefirmen billig sein - auch aus dem patent- und innovationsstarken Mittelstand. Auch für sie gibt es bei der Standortwahl keine nationale Gefühlsduselei, sondern nur die schnöde Suche nach den weltweit höchsten Renditen. Und leider werden sie in Amerika fündig. Auf den deutschen Industriestandort, der sich seit der Agenda 2010 reformseitig wie eine Schnecke am Krückstock bewegt, ist man nicht angewiesen.

Überhaupt, mit Investitionen in Amerika erkaufen sich europäische Unternehmen die Trumpsche Absolution. Sie schaffen dort ja nicht nur Jobs – und nicht bei uns – sondern gewähren den USA obendrein Zugang zu deutschem Industrie-Sexappeal. Und warum sollte Trump diesen „Greencard-Unternehmen“ Schmerzen zufügen? Hallo, er hat eine knallharte Unternehmerseele!

Der US-Dollar macht auf Softie

Zur Aufwertung des US-Standorts gehört aber auch ein Paradigmenwechsel in der amerikanischen Währungspolitik. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein US-Finanzminister wie jetzt Herr Mnuchin in Davos die Segnungen eines schwachen US-Dollars hervorhob. Kein Wunder, denn aus Uncle Sam dem Käufer wird der Verkäufer. Man braucht keinen teuren Dollar mehr zum billigen Im-, sondern einen schwachen zum lukrativen Export.

Bei dieser Exportförderung lässt sich auch die US-Geldpolitik nicht lumpen. Dollar-Aufwertung über wirklich hohe Leitzinsen und Renditen will man verhindern. Tatsächlich, mit Jerome Powell hat Trump keinen streng stabilitätsgläubigen Bundesbanker als Nachfolger von Frau Yellen bestellt. Als ehemaliger Investmentbanker hält er von scharfen geldpolitischen Restriktionen ebenso wenig wie Angela Merkel von einem gemeinsamen Urlaub mit Donald Trump.

Übrigens, wie will man denn ansonsten Amerikas Verschuldung stemmen– die sich unter Berücksichtigung der US-Steuerreform jedes Jahr um eine weitere Billion erhöht– wenn nicht mit Mutter Theresa, mit der Fed?