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23.08.2010 15:06
Rubrik: Märkte

Naumer unplugged: Abschied vom Homo oeconomicus

Hans-Jörg Naumer

Norbert legt die Stirn in Falten und stellt die Gretchenfrage: „Was haben wir aus der Finanzmarktkrise eigentlich wirklich gelernt? Klar, die Finanzmärkte werden neue Spielregeln bekommen, aber wir Anleger? Besitzen wir den Mut, uns von so manchen Glaubensdogmen zu verabschieden, die wir unausgesprochen mit uns herumschleppen?“

Manchmal kann ich nur staunen, auf welche Gedanken Norbert so kommt. Vermutlich hat er gerade ein kluges Buch gelesen. Aber recht hat er: Wir schleppen eine ganze Menge an Dogmen mit uns herum, die wir dringend überprüfen sollten – zum Beispiel jenes Dogma vom Homo oeconomicus. Anleger handeln rational, so heißt es da: Sie trachten frei von Emotionen danach, ihren Nutzen zu maximieren.

Richtig ist sicher: Menschen handeln auch rational, aber eben nicht nur. Schon der evolutionäre Aufbau unseres Gehirns, in dem Emotionen auf kühle Überlegungen treffen, spricht gegen diese Grundannahme der gängigen Lehre. Wir sind Menschen, keine Vulkanier wie Mister Spock vom Raumschiff Enterprise. Sonst gäbe es keinen Herdentrieb oder die Selbstüberschätzung, die uns glauben lässt, Entwicklungen kontrollieren zu können, die sich unserer Kontrolle entziehen.

Oder die Hinterher-sind-wir-alleklüger-Haltung, die uns suggeriert, wir hätten die Krise ja schon kommen sehen. Und schlimmer noch: Wir könnten auch die nächste mit Sicherheit vorhersehen. Nein, es gibt keinen Mister Spock der Kapitalanlage – auch wenn sich Norbert noch so sehr anstrengt, ihm gleich zu werden.

Zur Person: Hans-Jörg Naumer ist Chefanalyst bei Allianz Global Investors

Von: Hans-Jörg Naumer

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