Negativzinsen und die Grenzen des Bank-Hoppings Bevor die Revolution kommt, muss es wehtun

DER-FONDS-Kolumnist Markus Stillger

DER-FONDS-Kolumnist Markus Stillger

In der vergangenen Woche war es soweit. Nach der Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee wagte sich auch die Volksbank Stendal in Mecklenburg-Vorpommern aus der Deckung. Hier wie dort müssen Kunden, die mehr als 100.000 Euro Guthaben auf dem Konto haben, 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen.

Interessant in diesem Zusammenhang ist das Ergebnis einer Umfrage, die das Investmenthaus Flossbach von Storch im vergangenen März in Zusammenarbeit mit der GfK durchgeführt hat. Unter dem Titel Wenn Negativzinsen und Helikoptergeld die deutschen Sparer erreichen wurde ein repräsentativer Querschnitt von 500 Personen unter anderem dazu befragt, ob und wie sie ihr Anlageverhalten verändern würden, wenn sie persönlich von Negativzinsen betroffen wären.

Zusätzlich flossen die Antworten von 100 High-Net-Worth Individuals, kurz HNWI, in die Umfrage ein – also von Leuten, die auf Nassauer Platt gesprochen „richtisch Geld honn“. Das Ergebnis überrascht keineswegs: 44 Prozent der Befragten würde die Bank wechseln. Ich gehe davon aus, dass dieser Trend allen verantwortlichen Vorständen der deutschen Kreditinstitute bekannt ist. Deshalb zieren und winden sie sich ja, flächendeckend Negativzinsen einzuführen: Niemand möchte das Risiko eingehen, die Hälfte seiner Kunden zu verlieren.

Was aber, wenn diese Option für den Kunden nicht mehr greift, weil auf Anordnung von oben alle Banken verpflichtet werden, Negativzinsen einzuführen? Die Option Bank-Hopping greift dann nicht mehr.

Ich finde es ohnehin fragwürdig, dass mittlerweile Webseiten wie https://www.weltsparen.de/ wieder in aller Munde sind. Aktuell bietet dort die Banco BNI aus Portugal mit 0,71 Prozent den höchsten Zinssatz für Drei-Monats-Festgeld. Dazu fällt mir nur eine Frage ein: Schon mal etwas von der isländischen Kaupthing Bank gehört? Und ein Hinweis: Wenn’s knallt, hilft der Münchner Tatort-Kommissar Miroslav Nemec, der auf der Website der Weltsparer als Testimonial wirbt, den Anlegern genauso wenig wie Manfred Krug den Telekom-Aktionären geholfen hat. Übrigens war auch der mal Tatort-Kommissar…

Aber zurück zur Umfrage. Nahezu die Hälfte aller Befragten würde das Konto plündern und sich den Kontostand in Form von Bargeld auszahlen lassen. Selbst bei der Option, dass nicht alle Banken Negativzinsen verlangen, würden das 27,5 Prozent der Befragten in Erwägung ziehen. Hier könnten die Raiffeisenbank Gmund und die Volksbank Stendal ja demnächst mal über Ihre Erfahrungen berichten. Die Finanzaufsicht wird das sicherlich mit höchstem Interesse verfolgen.

Knapp 10 Prozent der Bankkunden sind dankbar und lassen alles mit sich machen – selbst Negativzinsen werden treu und brav bezahlt!

Für mich gibt es eine Zahl, die Mut macht. Knapp 40 Prozent der Befragten würden Ihr Geld anderweitig anlegen. Da bleibt nur die Frage: Wird dann für Immobilien in den Ballungszentren anstatt der 40-fachen demnächst die 50-fache Jahresmiete als Preis gezahlt oder gibt es tatsächlich den einen oder anderen Sparer, der dann auch die Vorzüge eines unterbewerteten Aktienmarktes entdeckt? Immerhin plant mehr als die Hälfte der oben genannten 40 Prozent im Falle von Negativzinsen, ihr Geld in Aktien oder Investmentfonds anzulegen.

Eine zukunftsträchtige Anlage dürften auf alle Fälle Aktien der börsennotierten Hersteller von Tresoren sein. Und das Ergebnis der Umfrage bestätigt eines: Der deutsche Sparer ist zwar genügsam und gibt sich auch mit Nullzinsen zufrieden. Aber wehe, er muss fürs Sparen bezahlen – dann steht uns eine Revolution in Sachen Anlegerverhalten bevor. Welche Folgen das für unser Finanzsystem hätte, muss sich zeigen.

Übrigens: Am 28. Oktober ist Weltspartag. Zeitgemäß wäre es auch hier, langsam mal über eine alternative Namensgebung wie Welt-Anleger-Tag oder Welt-Fonds-Tag nachzudenken. Die Zeit ist reif dafür – mit oder ohne Negativzinsen!

Über den Autor: Markus Stillger ist Gründer und Inhaber der Stillger & Stahl Vermögensberatung und der MB Fund Advisory aus Limburg an der Lahn. Für DER FONDS kommentiert er an dieser Stelle ab sofort jeden Monat aktuelle Trends an den Kapitalmärkten und stellt ihnen seine eigene Weltsicht entgegen.

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