Notenbankpolitik Christian Heger: „Bei Aktien ist das Korrekturrisiko gestiegen“

Christian Heger, Chefanlagestratege bei HSBC Global AM

Christian Heger, Chefanlagestratege bei HSBC Global AM

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DAS INVESTMENT.com: Wie lange wird der Höhenflug an den Aktienmärkten noch anhalten?

Christian Heger: Zumindest die Notenbanken gefährden mit ihrer moderaten Politik weder den Aufschwung der Weltwirtschaft noch den Aufschwung an den globalen Märkten. Für einen generellen Ausstieg aus den Aktienmärkten ist es daher weiterhin zu früh.

Also alles Friede-Freude-Eierkuchen? Wie sollten sich Anleger Ihrer Meinung nach aktuell positionieren?

Heger: Das habe ich nicht gesagt. Nach dem langen Anstieg haben die Korrekturrisiken zugenommen. Die nachlassende Dynamik der Weltkonjunktur, weitere Zinsschritte der Notenbanken und vermehrte politische Unsicherheiten in den USA, in Großbritannien und im Nahen Osten machen zudem neue positive Impulse wenig wahrscheinlich. Wir bleiben daher im Moment bei unserer neutralen Aktiengewichtung, um an einer möglichen Fortsetzung der Aufwärtsbewegung teilzunehmen.

In den USA halten sich die Stimmungsindikatoren im Industrie- und Dienstleistungsbereich auf konstant hohem Niveau. Die Immobilienpreise steigen mit knapp sechs Prozent so schnell wie seit 2014 nicht mehr. In Deutschland hat der Ifo-Konjunkturindex ein Rekordhoch erreicht. Was erwarten Sie für die Weltwirtschaft?

Heger: Keine Frage, die Weltwirtschaft befindet sich erstmals seit der Finanzkrise auf einem robusten, synchronen Wachstumspfad. Allerdings wachsen die Bäume nicht in den Himmel. So belastet in China zunehmend die restriktive Kreditvergabepolitik. Im Industriesektor fiel das Stimmungsbarometer unter die Marke von 50. In den USA entwickelt sich die Politik der Regierung Trump zum Unsicherheitsfaktor. Die neue Unsicherheit an den Rohölmärkten nach dem Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Katar erschwert für einige rohstoffexportierende Länder die Planung. Weder für 2017 noch für 2018 zeichnen sich daher mehr als gut drei Prozent Wachstum für die Weltwirtschaft ab.

Gerade hat die US-Notenbank Fed die Zinsen erhöht. Was werden die Notenbanker auf der anderen Seite des Atlantiks als nächstes tun?

Heger: Das Wirtschaftswachstum reicht nicht für eine deutliche Beschleunigung der Inflation aus. Der Preisauftrieb in der Eurozone ist im Mai auf 1,4 Prozent gesunken. In den USA liegt die Kernrate des Preisdeflators derzeit nur bei 1,5 Prozent. Beides ist deutlich von den angestrebten Zielmarken von zwei Prozent entfernt. Auch von einer Lohn-Preis-Spirale ist nichts zu sehen. Für die US-Notenbank Fed ergibt sich daraus kein größerer Handlungsdruck bei der Normalisierung des Zinsumfeldes. Nach dem Zinsschritt im Juni dürfte daher dieses Jahr nur noch eine Erhöhung folgen.

Mit Blick auf Ihre Muster-Allokation: Auf der Aktienseite haben europäische Aktien mit 26 Prozent das größte Gewicht. Was erwarten Sie für Europa?

Heger: Die Europäische Zentralbank wird ihren langsamen Ausstieg aus dem Aufkaufprogramm weiter mit sehr vorsichtiger Rhetorik begleiten. Auch angesichts neuer drohender Wahlunsicherheiten in Italien bleibt die EZB als Stabilisierungsfaktor in der Eurozone gefragt. Für einen deutlichen Anstieg der langfristigen Zinsen reichen diese kleinen Zinserhöhungsschritte auf beiden Seiten des Atlantiks jedoch nicht. Auch dank steigender Unternehmensgewinne bleiben europäische Aktien daher relativ attraktiv bewertet. Europa gehört unverändert zu unseren favorisierten Märkten.