Notenbankpolitik HSBC GAM: „Ob 60 oder 30 Milliarden – das bewegt die Märkte nicht wirklich“

HSBC-Chefanlagestratege Christian Heger: „Kurzfristig sind die Gefahren angesichts des graduellen Abbaus nur gering“

HSBC-Chefanlagestratege Christian Heger: „Kurzfristig sind die Gefahren angesichts des graduellen Abbaus nur gering“

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DAS INVESTMENT.com: Wie bewerten Sie die heutige Entscheidung der Europäischen Zentralbank?

Christian Heger: Die Entscheidung, das Anleihe-Kaufprogramm von 60 auf 30 Milliarden Euro zu halbieren, kommt nicht überraschend. Auch die moderate Verlängerung bis Ende September bewegt die Märkte nicht wirklich. Seit längerem gibt es eigentlich keinen Grund mehr für die extrem expansiven Kaufprogramme der Notenbanken. Zumal die hohe Überschussliquidität die Risiken von Fehlallokationen und spekulativen Blasen deutlich erhöht hat. Die Notenbanken werden daher weltweit den Ausstieg aus ihren aufgeblähten Bilanzen fortsetzen.

Mit welchen Risiken sehen Sie Anleger in den kommenden 3 bis 5 Jahren konfrontiert?

Heger: Kurzfristig sind die Gefahren angesichts des graduellen Abbaus nur gering. Der zusätzliche Liquiditätsschub wird erst Mitte 2018 auslaufen. Das bedeutet: Mittelfristig drohen daher durchaus Risiken. Sollte der Ausstieg der Notenbank zu Irritationen bei den Anlegern und zum Beispiel zu einem temporären Anstieg der langfristigen Zinsen führen, könnte es auch für einige Aktienmärkte eng werden.

Die Aktienmärkte scheinen ja weltweit nur eine Richtung zu kennen: nach oben zu neuen historischen Rekorden. Ist der Aufschwung überhaupt noch fundamental gerechtfertigt?

Heger: Die globale Konjunktur entwickelt sich das erste Mal seit der Finanzkrise 2008 gleichzeitig so stark und so synchron. Ihre Dynamik hat sich trotz Nordkorea-Konflikt, schwacher US-Regierung und schwelender Nahostkrise in den vergangenen Wochen sogar beschleunigt. Nicht nur die Breite dieses Aufschwungs spricht gegen sein schnelles Ende. Auch die treibenden Kräfte sehen nachhaltiger als früher aus. Neben dem privaten Konsum und den steigenden Immobilienmärkten ist in den USA und der Eurozone erstmals in diesem Zyklus eine höhere Bereitschaft zu Investitionen sichtbar. Ohne großen externen Schock droht vorerst auch kein Abbruch des weltweiten Wachstums.

Welche Sorgenkinder haben Sie derzeit?

Heger: Momentan mahnt beispielsweise der US-Aktienmarkt zur Vorsicht, Sorgenkind ist dennoch etwas hoch gegriffen. Vor allem in den USA ist die Bewertung nahezu ausgereizt. Ein möglicher Anstieg der Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen auf über 2,5 Prozent drückt die Risikoprämie für amerikanische Aktien bereits in den überbewerteten Bereich. Anleger sollten daher insbesondere den US-Rentenmarkt im Auge behalten.

Haben Sie Risiko aus den Portfolios genommen?

Heger: Aktuell sehen wir noch keinen Anlass von unserem Aktienübergewicht abzurücken. Vor allem europäische und asiatische Aktien bieten unverändert auskömmliche Renditechancen gegenüber den dazugehörigen Rentenmärkten.