Peter E. Huber: „Die Anleger sind noch auf dem Inflationstrip“

Peter E. Huber

Peter E. Huber

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Licht und Schatten brachte das erste Halbjahr den globalen Aktienmärkten. Während sich der Weltaktienindex in Euro nach einem guten Start um 4,7 Prozent ermäßigte, konnte der DAX-Index mit einem Plus von 6,7 Prozent glänzen. Beeindruckt von der guten Wirtschaftsentwicklung in Deutschland engagierten sich vor allem ausländische Anleger verstärkt in heimischen Dividendenpapieren.

Wir können nur hoffen, dass sich das freundliche Börsenklima nicht als Scheinblüte erweist. Immerhin hat sich der DAX seit seinem Tief bei 3.588 im März 2009 mehr als verdoppelt. Das Hauptproblem bleibt weiter die schwelende internationale Schuldenkrise. Hier hat sich seit dem Lehman-Debakel die Lage weiter zugespitzt. Die Staatsverschuldung hat inzwischen ein gigantisches Ausmaß erreicht. Alle Probleme wurden mit immer neuen Schulden zugekleistert, keines wurde gelöst. Dies gilt nicht nur für die USA und Japan, sondern auch für die meisten europäischen Staaten.

Nun könnte man die Ansicht vertreten, dass es für die Staaten keine natürliche Schuldengrenze gibt. Die Notenbanken können ja immer weiter Geld drucken und damit Staatsanleihen aufkaufen, so dass sich die Regierungen zu minimalen Zinsen immer höher verschulden können. Doch ganz so einfach ist es nicht. In den letzten Konjunkturzyklen wurden Rezessionen immer mit den gleichen Mitteln bekämpft: Die Notenbanken haben die Zinsen gesenkt und die Geldmengen erhöht und die Staaten haben ihre Ausgaben auf Pump ausgeweitet. Am Anfang war der Anstoßeffekt für die Wirtschaft enorm und wurde dann von Zyklus zu Zyklus immer geringer. Inzwischen sind diese Effekte kaum mehr zu spüren.

Selbst die beispiellosen Stimulanzien seit der Weltwirtschaftskrise 2008 konnten zum Beispiel in den USA nur einen schwächlichen Aufschwung auslösen, der sich kaum selbst zu tragen vermag. Es werden kaum neue Stellen geschaffen und die Arbeitslosenquote verharrt bei 9,2 Prozent. Die Verbraucher sind ebenfalls hoch verschuldet und die Stimmung ist entsprechend mies.

Festzuhalten bleibt folgendes:
  1. Es ist noch nie eine Schuldenkrise mit immer mehr Schulden gelöst worden. Der amerikanische Wirtschaftsprofessor Nassim Nicholas Taleb („Narren des Zufalls“) bezeichnet die Situation mit der Lage eines Heroinsüchtigen, dem immer höhere Dosen Rauschgift verabreicht werden. Der Zusammenbruch kommt dann später, fällt dafür umso heftiger aus.
  2. Es gibt eine natürliche Grenze für immer neue Schulden. Wenn damit kein zusätzliches Wirtschaftswachstum mehr ausgelöst wird, wirken weitere Schulden kontraproduktiv. Bestes Beispiel dafür ist die aktuelle Lage in Griechenland.
  3. „Es gibt keine Möglichkeit, den endgültigen Einbruch eines Booms zu verhindern, der durch eine Kredit (Schulden) Expansion hervorgerufen wurde. Die Alternative ist nur, ob die Krise früher kommt, als Folge einer freiwilligen Abkehr von einer weiteren Kredit (Schulden) Expansion, oder später, als endgültige und vollständige Katastrophe im betroffenen Währungssystem“. Diese Erkenntnis äußerte der österreichische Ökonom Ludwig von Mises bereits 1922.
  4. Nach aller historischen Erfahrung wirkt eine extreme öffentliche oder private Verschuldung deflationär. Neuere Untersuchungen aus den USA belegen, dass das Wirtschaftswachstum in Gegenden mit hoher Verschuldung viel niedriger ist als in Gegenden mit geringer Verschuldung. Die aktuell grassierende Furcht vor steigender Inflation ist daher völlig unbegründet. Wer das nicht glaubt, sollte sich vielleicht einmal die Entwicklung des Weizenpreises ansehen.

Eine Deflationskrise wäre das schlimmste, was uns derzeit passieren kann. Denn die meisten Frühindikatoren deuten auf ein Ende des aktuellen Konjunkturaufschwungs hin. In den USA sind mehrere Bundesstaaten faktisch bereits pleite. Das aktuelle Programm des Quantitative Easing durch das FED (QE2) ist zum 30.06. ausgelaufen und es gibt politische Widerstände gegen weitere QE-Maßnahmen. In Europa hat die EZB in völliger Verkennung der tatsächlichen Lage gerade zum zweiten Mal die Zinsen erhöht und weitere Schritte in dieser Richtung angekündigt. Dies, obwohl vielen Ländern das Wasser bereits bis zum Hals steht.