Pimco Vom Brexit zur Stagflation?

Joachim Fels, Pimco Global Economic Advisor

Joachim Fels, Pimco Global Economic Advisor

// //

Einige der Wähler in Großbritannien, die mit „out“ gestimmt hatten, waren wohl überzeugt, lediglich eine Proteststimme abzugeben. Jetzt erschrecken sie über die Konsequenzen wie den Ausverkauf an den Finanzmärkten und die Rezessions-Prognosen; oder über die ersten Reaktionen aus Schottland und Nordirland (die beide für „Remain“ gestimmt hatten).

Der Brexit könnte somit das Vereinigte Königreich zu einem Königreich von England und Wales schrumpfen lassen – das Gegenteil eines zu alter Größe zurückkehrenden Britanniens. Und die ökonomischen Konsequenzen? Was hat die Weltwirtschaft durch das Brexit-Votum mittelfristig (auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten) und langfristig (auf Sicht von drei bis fünf Jahren) zu erwarten?

Wir glauben, dass die mittelfristigen Auswirkungen auf das globale Wachstum und die Inflation vermutlich relativ gering sein werden – und mit großer Wahrscheinlichkeit nicht groß genug, um die Weltwirtschaft in eine Rezession zu treiben. Selbst, wenn Großbritannien eine Rezession erleiden sollte, was durchaus ein plausibles Szenario ist, wären die Nebenwirkungen auf das globale Brutto-Inlandsprodukt (BIP) infolge niedrigerer Importe durch das Vereinigte Königreich minimal. Denn das Land steht nur für 3,6 Prozent der globalen Einfuhren an Handelsgütern und nur für 4,1 Prozent der weltweiten Importe an kommerziellen Dienstleistungen.

Rezession unwahrscheinlich

Zusätzlich zu diesen direkten Handelseffekten dürfte es wahrscheinlich rund um den Globus zu einer leichten Abkühlung bei den Investitionen kommen – wegen der höheren Unsicherheit über die globalen Auswirkungen des Brexit-Votums und aufgrund verschärfter Finanzierungs- und Kredit-Konditionen. Wenn sie Zweifel haben, werden Firmen ihre Investitionsprojekte verschieben, um zu evaluieren, wie der Brexit diese Projekte beeinflussen könnte. Die Handels- und Investitions-Effekte zusammengenommen könnten dazu führen, dass der globale Wachstumspfad in den kommenden Quartalen etwas absinkt – jedoch nicht so sehr, dass daraus eine Rezession resultiert. Für die Eurozone, die nach der britischen Wirtschaft am stärksten vom Brexit betroffen ist, hat unser Kollege Nicola Mai einen negativen Einfluss auf das BIP-Wachstum von minus 0,3 Prozent geschätzt (http://blog.pimco.com/2016/06/24/brexits-impact-on-the-eurozone). Der Effekt auf die USA und andere Weltregionen dürfte wahrscheinlich geringer ausfallen.

Drei Gründe, warum die kurzfristigen Auswirkungen begrenzt bleiben

Allerdings behalten wir drei eng gegenseitig abhängige Faktoren sehr genau im Blick, die einen größeren negativen Einfluss auf die Weltwirtschaft in den nächsten sechs bis zwölf Monaten haben könnten: den US-Dollar, China und die Aktionen der Zentralbanken. Erstens wäre ein signifikant stärkerer US-Dollar als Reaktion auf die weltweite Risiko-Aversion nicht nur für die Wachstumsaussichten in den USA selbst ein Problem, sondern auch für sämtliche US-Dollar-Schuldner in den Schwellenländern.

Das könnte auch die Rohstoffpreise wieder einbrechen lassen – damit könnte ein Film ablaufen, den wir im vergangenen Jahr bereits gesehen haben. Zweitens, China könnte als Antwort auf einen anziehenden US-Dollar eine schnellere Abwertung seiner Währung gegenüber dem Greenback zulassen – und das wiederum könnte die globalen Wachstums- und Deflationssorgen verstärken.

Drittens gibt es noch einen weiteren wichtigen Grund, warum wir die kurzfristigen Auswirkungen des Brexit auf das weltweite Wachstum und das Vertrauen für begrenzt halten: Wir erwarten weitere Aktionen nahezu aller bedeutenden Zentralbanken zur potenziellen Schadensbegrenzung. Wir gehen davon aus, dass die Bank of England ihren offiziellen Leitzins relativ zügig von 0,5 Prozent auf null Prozent reduzieren wird, und, falls nötig, auch das Quantitative-Easing-Programm neu auflegen wird (siehe hierzu die Analyse von Mike Amey: http://blog.pimco.com/2016/06/24/brexit-initial-impact-and-the-road-ahead)

Geldpolitische Lockerung zu erwarten

Unser europäisches Team hatte bereits vor dem Brexit-Votum die Wahrscheinlichkeit für eine neuerliche geldpolitische Lockerung durch die Europäische Zentralbank auf 50:50 veranschlagt. Und diese Wahrscheinlichkeit ist infolge des Votums sicher nicht geringer geworden. Unser Team in Tokio erwartet ebenfalls eine weitere geldpolitische Lockerung durch die japanische Notenbank bei deren nächster Sitzung am 29. Juli und sieht ferner eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Währungsintervention, um den Yen in der nahen Zukunft zu schwächen.

Und in den USA ist eine Leitzinserhöhung im Juli nun wohl vollständig vom Tisch. Für September würden wir einen solchen Schritt nicht komplett ausschließen, aber er ist doch sehr unwahrscheinlich, weil der Staub des Brexit-Votums sich vielleicht noch nicht gesetzt hat bis zu diesem Datum, und zudem der US-Präsidentschafts-Wahlkampf dann bereits in vollem Gange sein wird. Vor diesem Hintergrund erscheint selbst eine Zinserhöhung im Dezember zum jetzigen Zeitpunkt zunehmend fraglich zu sein.