Finanzmärkte auf Erholungskurs Brasilien, Argentinien & Co: So kriegt Lateinamerika die Kurve

Regierungsgegner mit einer Flagge Venezuelas während einer Protestkundgebung im Jahr 2014  | © Getty Images

Regierungsgegner mit einer Flagge Venezuelas während einer Protestkundgebung im Jahr 2014 Foto: Getty Images

„Presidente, Sie wollen doch nicht wirklich so ein Teufelszeug wie den Sozialismus erfinden?!“, fragt der aalglatte Präsidentenberater fassungslos. Wer noch immer glaubt, dass Computerspiele doof  machen, der sollte sich mal das preisgekrönte Spiel „Tropico“ ansehen. In dieser Wirtschaftssimulation steuert man eine karibische Insel. Dabei geht es um Fragen wie: Einwanderungsland oder Visumpflicht? Importieren oder herstellen? Demokratie oder Diktatur? Bildung für alle oder nur für Reiche? Gegner einsperren oder töten? Und das Schweizer Nummernkonto will auch gefüllt werden. Ganz ernst gemeint ist das alles sicher nicht, aber es steckt ein wahrer Kern darin.

Offene Türen für Populisten

Denn wie man eine Staatsführung so richtig vermasseln kann, haben einige Länder in Lateinamerika gezeigt. Der Investmentchef und Anleihepapst Michael Hasenstab von Franklin Templeton hat mit seinem Team in dem lesenswerten Papier „Lateinamerika: Aufstieg und Fall des Populismus“ die jüngere Vergangenheit von Brasilien, Argentinien, Kolumbien und Venezuela aufgearbeitet. Darin stellt er fest, dass die Länder, außer Kolumbien, nach der Jahrtausendwende dem Populismus verfielen. Sozialistisch angehauchte Regierungen bohrten Sozialprogramme überdimensional auf und dokterten an der Wirtschaft herum. Sie entmachteten die Notenbanken, die ja normalerweise auf die Währungen aufpassen sollen. Damit trotzdem keine Inflation aufkam, drückten sie Preise, zum Beispiel für Elektrizität und Nahverkehr. Damit Geld nicht floh, kontrollierten sie Währungsmärkte und fälschten Statistiken.

Das war alles sicherlich gut gemeint, funktioniert so aber nicht: Schwarzmärkte entstanden, Produkte wurden knapp, inoffizielle Preise explodierten, Wechselkurse brachen ein, der Schuldenberg wuchs. Traurige Höhepunkte gab es, als McDonald’s in Argentinien keinen Ketchup mehr aus Chile einführen durfte und als in Venezuela 2015 das Toilettenpapier ausging. Zeitweise hatte das Land nicht mal mehr Geld, um neue Banknoten zu drucken.

Bloomberg/IWF

Wende in Argentinien und Brasilien

Noch schlimmer wurde die Lage, als die Exporteinnahmen einbrachen. Die Länder führen hauptsächlich Rohstoffe aus, und deren Preise fielen ab Juni 2014 innerhalb von anderthalb Jahren um 58 Prozent – gemessen am Rohstoffindex GSCI in Dollar. Das staatliche Defizit von Brasilien uferte in dieser Zeit von 3,3 auf 10,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

Doch nun die Wende. In Argentinien ist Präsident Mauricio Macri seit November 2015 an der Macht. Die Zentralbank ist wieder unabhängig, der Peso kann frei schwanken, Steuern sind gesunken, der Markt öffnet sich. In Brasilien dampft der neue Präsident Michel Temer die Ausgaben ein und will das Sozialsystem umbauen. Er zieht die Regierung aus der heimischen Wirtschaft zurück, damit sich Preise wieder frei bilden können. Nach einem kurzen Schock sinken die Inflationsraten nun wieder. In Venezuela tut sich noch nichts in der Richtung. Aber die Opposition wird immerhin schon frech und fordert vorgezogene Neuwahlen. Das könnte noch interessant werden.

Die Hoffnung auf das große Reinemachen spiegelt sich auf den Finanzmärkten wider. Argentinien wurde im April 2016 seine erste Anleihe seit 15 Jahren reißend los. Währungen werten auf, Staatsdefizite sinken, Rohstoffpreise stabilisieren sich. Die Richtung stimmt wieder. Einige europäische Populisten sollten sich das mal anschauen. Oder einfach eine Runde „Tropico“ daddeln.