Pro & Contra Autoaktien: Zurück in die Spur oder Rauswurf in der nächsten Kurve?

Martin Wirth, Manager des FPM Stockpicker Germany All Cap (rechts), argumentiert gegen Christian von Engelbrechten, Manager des Fidelity Germany Fund

Martin Wirth, Manager des FPM Stockpicker Germany All Cap (rechts), argumentiert gegen Christian von Engelbrechten, Manager des Fidelity Germany Fund

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„Ich geb‘ Gas, ich geb‘ Gas“ heißt es im 80er-Jahre-Kult-Song Ich will Spaß von Markus Mörl. Automobil-Hersteller hatten damals noch eine saubere Weste. Heute ist diese nicht mehr so blütenrein, dafür sind die Motoren aber umso sauberer. Oder doch nicht? Seit aufgeflogen ist, dass Volkswagen mit manipulierten Abgaswerten in großem Stil die Behörden und damit auch die Kunden getäuscht hat, nehmen die Diskussionen zu diesem Thema kein Ende.

Kürzlich ist auch Daimler ins Gerede gekommen, nachdem die Deutsche Umwelthilfe beim Kraftfahrt-Bundesamt einen Antrag auf Widerruf der Typgenehmigung für den neuen Mercedes C 220 beantragte. Der Grund: Das Dieselfahrzeug habe bei Tests die Grenzwerte für Stickoxid-Ausstöße überschritten. Dass der Abgas-Skandal längst kein rein deutsches Problem mehr ist, zeigt der Fall Renault, wo man ebenfalls Tricksereien zugeben musste. Da liegt schnell der Generalverdacht auf dem Tisch, auch alle anderen Hersteller bauen nicht so saubere Autos wie sie vorgeben.

Belastend für die meisten deutschen Konstrukteure wirken zusätzlich die wirtschaftliche Schwäche in China und dementsprechend rückläufige Absatzzahlen. Während Daimler 2015 im Reich der Mitte sogar einen Gang raufschaltete, waren die anderen deutschen Hersteller bei niedriger Drehzahl unterwegs. Richtig rund läuft der Absatzmotor dagegen in Europa: Das günstige Benzin und hohe Rabatte haben 2015 den Autoabsatz kräftig angekurbelt. Nur VW fuhr der Konkurrenz hinterher und musste 2,5 Prozentpunkte vom Marktanteil abgeben.

Während die Produktion in Europa weiter auf Hochtouren läuft, scheint die Branche bei wichtigen Innovationen im Stau zu stehen. Zum Beispiel bei der Entwicklung erschwinglicher Elektrofahrzeuge. Die Serienreife von alltagstauglichen Modellen, die aus der Steckdose geladen werden können, scheint immer noch in weiter Ferne zu sein. Das Hauptproblem sind nach wie vor teure Produktionskosten für Batterien, die genügend Saft auch für längere Strecken liefern und sich schnell wieder aufladen lassen.

Um der neuen Technik in Deutschland den nötigen Gripp zu verleihen, will Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel Käufern von elektrisch betriebenen Fahrzeugen eine staatliche Prämie mit auf den Weg geben. Der Vorschlag wird aber in Regierungskreisen noch ausgebremst. Insgesamt zeichnet sich also ein sehr gemischtes Bild für die deutsche Autoindustrie.

Anleger scheint dies zu verunsichern. Autoaktien ist dementsprechend der Sprit ausgegangen. Während die Kurse nach der Finanzkrise noch freie Fahrt hatten, ist das Börsenparkett seit dem vergangenen Jahr deutlich holpriger geworden. Der die Entwicklung der deutschen Autoindustrie abbildende Dax-Sector Automobile Index liegt im Ein-Jahres-Bereich mit fast 30 Prozent im Minus.

Eine baldige Kehrtwende des Abwärtstrends sieht Christian von Engelbrechten nicht. Die rückläufige Gewinndynamik der deutschen Fahrzeug-Hersteller und niedrige Renditen auf das eingesetzte Kapital sieht der Manager des Fidelity Germany Fund als Hauptgründe für eine zukünftig geringe Attraktivität von Autoaktien. Hinzu kämen die weitgehende Marktsättigung in China und Nordamerika sowie steigende Anforderungen an Emissionsausstöße.

Martin Wirth, Manager des FPM Stockpicker Germany All Cap, hält dagegen insbesondere die deutschen Premium-Hersteller für viel zu niedrig bewertet. Seiner Meinung nach ist die Lage der Autobranche bei weitem nicht so schlecht, wie es der Blick auf die Kurstafel vermuten lässt. Wer sich die reinen Kennzahlen und die finanzielle Situation anschaue, käme schnell zu einem differenzierteren Ergebnis, das unter Bewertungsgesichtspunkten deutliche Chancen bei vielen Autoaktien erkennen lasse.



Quelle: Bloomberg