Pro & Contra Mittelstandsanleihen: Musterschuldner oder Lümmel aus der letzten Bank?

Max Otte, Manager des Max Otte Vermögensbildungsfonds AMI (links), argumentiert gegen Dirk Viebahn, Manager des WGZ Corporate M

Max Otte, Manager des Max Otte Vermögensbildungsfonds AMI (links), argumentiert gegen Dirk Viebahn, Manager des WGZ Corporate M

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„Der deutsche Mittelstand ist es, der uns vorantreibt. Darum werden wir von der ganzen Welt beneidet“, hieß es in einem 2014 ausgestrahlten TV-Spot der Deutschen Telekom. Wohl wahr, denn die wirtschaftliche Stärke Deutschlands ruht in erster Linie auf Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen einer und 50 Millionen Euro – also den so genannten Mittelständlern. Und eben nicht nur auf Großkonzernen wie Siemens, Daimler oder BASF, die einem spontan einfallen, wenn man an Deutschland als Wirtschaftsnation denkt.

Angefangen bei traditionellen Handwerksbetrieben über innovative Start-ups bis hin zu spezialisierten Technologieproduzenten machen die insgesamt über 3,6 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen mehr als die Hälfte des gesamten deutschen Wirtschaftsvolumens aus. Während sich große Mittelständler als börsennotierte Gesellschaften überwiegend durch Aktienemissionen und Kapitalerhöhungen frische Mittel beschaffen, bleibt kleineren Gesellschaften meist nur die Begebung von Anleihen, um den Kapitalmarkt anzuzapfen.

Schade, dass sich der häufig gute Ruf und die Produkt- und Dienstleistungsqualität des deutschen Mittelstands nicht durchgängig auch im Bond-M, einer von der Börse Stuttgart im Jahr 2010 gegründeten Plattform für Mittelstandsanleihen, wiedergefunden haben. Mit vielen Vorschusslorbeeren gestartet, herrschte am Markt für die auch als Mini-Bonds bezeichneten Mittelstandsanleihen aber schnell Katerstimmung. Viele Ausfälle und erfolglose Restrukturierungen drückten das Vertrauen in den Markt zwischenzeitlich auf den Nullpunkt.

Was Investoren mit dem Begriff Mittelstand verbanden, also zum Beispiel Wertarbeit und Weltmarktführerschaft – das hatten die meisten Emittenten nicht zu bieten. Besonders unbedarfte Privatanleger ließen sich blenden von vielfach schön gerechneten Bilanzen und vorgegaukelten Bonitäten. Außerdem waren die Volumina von Emissionen ebenso wie die Renditeversprechen oft viel zu hoch angesetzt. Solide Unternehmen wie der schwäbische Autozulieferer Dürr, der 2010 einen der ersten Mini-Bonds an den Markt brachte, blieben die Ausnahme.

Auch aktuell glänzen die meisten Anleihen und Genussrechte von Mittelständlern nicht gerade mit Qualität. Von den derzeit begebenen 294 Papieren verfügen 165 über gar kein Rating, der Rest bewegt sich zwischen D und BB. Durch sich häufende Krisenfälle und rollende Klagewellen sind Investoren in Deckung gegangen. Dementsprechend haben sich auch die Unternehmen bei der Ausgabe neuer Mittelstandsanleihen im Jahr 2015 stark zurückgehalten. Seit Jahresmitte ist der Markt für Neuemissionen sogar völlig zum Erliegen gekommen.

„Wie geht es nun weiter?“ fragen sich Anleger, Börsenhändler und Marktbeobachter gleichermaßen. Dazu gehen auch unter Fondsmanagern die Meinungen auseinander. Bei aller generellen Kritik an Mittelstandsanleihen sollte man nicht das gesamte Segment über einen Kamm scheren, meint Dirk Viebahn. Der Manager des neu aufgelegten WGZ Corporate M findet vor allem bei Anleihen familiengeführter Unternehmen qualitativ hochwertige Titel mit attraktiven Verzinsungen und hält diese als Portfoliobeimischung durchaus für geeignet.

Dass solide mittelständische Unternehmen Anleihen für ihre Finanzierung nutzen sollten, findet auch Max Otte. Allerdings hätten unseriöse Anbieter viel verbrannte Erde hinterlassen und Vertrauen zerstört, findet der Manager des Max Otte Vermögensbildungsfonds AMI. Deshalb hält er Mittelstandsanleihen als Investmentziel derzeit für zu riskant.