Daten-Privileg der Hausbank erlischt PSD II befeuert Kampf um den Kunden

Boris Strucken und Sven Loeckel von Fidelity Information Services: Die beiden Banking-Experten geben einen Überblick über die neue Welt nach PSD II. | © FIS Deutschland

Boris Strucken und Sven Loeckel von Fidelity Information Services: Die beiden Banking-Experten geben einen Überblick über die neue Welt nach PSD II. Foto: FIS Deutschland

Die Vorgaben der Payment Services Directive, kurz PSD II, sind Teil einer umfassenden Nachkrisenregulation. Brüssel verfolgt seit etwa einem Jahrzehnt das Ziel, ein eigenständiges, von Banken unabhängiges Payment-System auf die Beine zu stellen. Damit soll auch im Ernstfall die Funktionalität der Zahlungssysteme gewährleistet sein. Etwaige künftige Finanzkrisen sollen nicht mehr zum Erlahmen des europäischen Zahlungsverkehrs führen. Gleichzeitig soll der Zahlungsverkehr für Kunden sicherer, bequemer und kostengünstiger gemacht werden.

Bereits 2009 fand die Payments Service Directive I (PSD I) ihre Umsetzung in deutsches Recht. Diese erste Version bereitete den Weg für einen einheitlichen Rechtsrahmen für alle Arten von Zahlungsaufträgen. Es wurde der Grundstein für die Harmonisierung des EU-weiten Zahlungsverkehrs im Rahmen des Sepa-Prozesses gelegt. PSD I und Sepa schufen einen gemeinsamen Payments-Markt mit rund 500 Millionen Konsumenten und damit gleichzeitig eine äußerst attraktive Basis für neue Geschäftsmodelle.

Innovationskampf um den Kunden

Die PSD II ist nun im Begriff, eine Dynamik zu entfalten, welche die Hackordnung im Bereich Privatkundengeschäft maßgeblich verändern könnte. Kern der Richtlinie ist, dass nun auch Drittanbieter die Möglichkeit haben, direkten Zugang zu den Kontodaten von Privatkunden zu erhalten. Der Kunde entscheidet, welchen Finanzdienstleistern er den Datenzugriff gewähren möchte – das Exklusivrecht der Hausbank zur Einsicht und Nutzung der Kontodaten erlischt.

Spricht man im Zuge der Digitalisierung mit Vorliebe vom Begriff „Datenschatz“, liegt im Bereich Retailbanking der sprichwörtliche Schatz nun offen da und lädt aktiver denn je zum Bedienen ein. Großen Technologieunternehmen mit eigenen Bezahldiensten und Fintech-Unternehmen mit digitalen Finanzdienstleistungsangeboten bietet sich dadurch im Privatkundenbereich eine neue Chance, die etablierten Banken gezielt anzugreifen.

Schon mittelfristig wird im Banking die Frage wettbewerbsentscheidend sein, wer sich als zentraler Dienstleister für den Kunden durchsetzt und die Kundendaten aggregieren darf. Worst-Case-Szenario aus Sicht der Banken wäre hierbei, dass ihnen Fintechs oder Technologie-Riesen à la Amazon und Google den Rang ablaufen könnten.

Längst ist zu beobachten, dass Privatkunden die traditionellen Dienstleistungen ihrer Hausbank durch digitale Finanzservices ergänzen oder gänzlich ersetzen. Filialen und persönliche Beratung verlieren an Bedeutung. Marktneulinge überzeugen hingegen häufig mit Innovationskraft und interessanten neuen Finanzdienstleistungsideen.

Anders als die meisten Banken sind flexible Fintechs oft viel eher in der Lage, frei und unbelastet neue Konzepte umzusetzen. Gerade im Bereich Zahlungsverkehr lässt sich die Konkurrenzsituation schon deutlich in Zahlen ausdrücken: Fintechs investieren im Verhältnis 3:1 im Vergleich zu den etablierten Häusern in den Bereich Payments. Verschiedene Fintechs haben aus technologischer Sicht bereits einen Vorsprung erreicht. Die PSD II könnte nun ein weiterer Katalysator für den wirtschaftlichen Erfolg von Fintechs werden.

Auch die Reaktion von Amazon, Google & Co. bleibt abzuwarten – die neue Richtlinie bereitet auch für sie den Weg zum Ausbau ihrer bisherigen Schritte in Richtung Finanzdienstleistungsbranche. Die Technologie-Riesen verfügen jedenfalls über ausreichend Potenzial, um einen wesentlichen Teil der Wertschöpfungskette im Retailbanking bedienen zu können.