Reichel: "Diversifikation ist der einzige sichere Hafen"

Peter Reichel, Leiter der Privaten Vermögensverwaltung bei Berenberg

Peter Reichel, Leiter der Privaten Vermögensverwaltung bei Berenberg

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Die Deutschen sind so reich wie nie. Ende 2011 lag das Geldvermögen der privaten Haushalte bei 4,7 Billionen Euro – so die Statistik der Bundesbank. Ende 2007, zu Beginn der Krise, waren es 5 Prozent weniger. Dennoch besitzen Privatanleger heute deutlich weniger Anleihen, Aktien und Investmentfonds als damals. Die Vermögenszuwächse wurden nicht investiert, sondern geparkt in Form von Bargeld oder jederzeit verfügbaren Sichteinlagen, zum Beispiel auf Tagesgeldkonten. Hier ruht rund jeder fünfte Euro der Privaten.

In Zahlen sind das rund 950 Milliarden Euro, knapp 50 Prozent mehr als Ende 2007. Ein cleverer Schachzug, mag so mancher denken. Schließlich fahren die Börsen Achterbahn und sorgen immer wieder für Verluste im Depot. Zu kurz gedacht, meint Peter Reichel. „Wer sein Geld geparkt hat, hat gerade in diesem Jahr eine Menge positiven Zuwachs verpasst“, so der Leiter der Privaten Vermögensverwaltung bei der Berenberg Bank. Obwohl die Euro-Schuldenkrise und die Unsicherheit um die globale Wirtschaft anhalten, haben seit Jahresanfang viele Aktienmärkte zugelegt – trotz eines erneuten Einbruchs im Frühjahr.

Der Dax war bis Mitte August 18 Prozent im Plus, der US-Aktienindex S&P 500 12 Prozent. Auch auf der Anleiheseite gab es Kursgewinne. Insbesondere bei den Emerging Markets Bonds, die 11 Prozent gestiegen sind. Für Anleger stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Ist das erst der Beginn einer neuen Aufwärtsphase oder naht schon wieder das Ende?

Risikoaversion senkt Renditeniveau


„Es gibt viele Indizien, dass bei den Marktteilnehmern eine hohe Skepsis über die weitere Entwicklung vorherrscht“, so Reichel. Viele suchen nach möglichst sicheren Anlagen, selbst wenn diese kaum Rendite bringen – oder die Anleger gar draufzahlen müssen. Je mehr die Risikoaversion gewachsen ist, desto tiefer ist das Renditeniveau gerade in Deutschland gesunken. Aktuell rentieren zehnjährige Bundesanleihen mit etwa 1,35 Prozent. Nach Inflation sind die Renditen für zwei-, fünfund zehnjährige Anleihen bereits seit Mitte 2011 negativ.

Bei kurzfristigen Anleihen ist sogar die nominale Verzinsung unter Null gefallen. „Aus einer risikofreien Rendite ist ein renditeloses Risiko geworden“, stellt Reichel fest. In Italien und Spanien hingegen sind die Zinsen gestiegen. Diese Schere zwischen den starken Kernländern und der südeuropäischen Peripherie öffnet sich bereits seit Ende 2009. Ein ähnliches Auseinanderklaffen beobachtet Reichel bei den Unternehmensanleihen. Die Risikoprämien für Unternehmen mit sehr guten Bonitäten seien in den vergangenen Monaten stark zurückgegangen. Der Zinsaufschlag für schlechter bewertete Unternehmen sei hingegen deutlich höher und auch kaum gefallen.

„Zurzeit stehen wir an den Kapitalmärkten zwischen Unsicherheit und Opportunität“, sagt der Anlageexperte. Entscheidend für die künftige Entwicklung werden vor allem zwei Themen sein: die Integration in Europa und die globale Konjunktur. Ob Griechenland im Euroland bleibt oder nicht, ist für Reichel nur sekundär. Entscheidend sei vielmehr, dass am Zusammenhalt des Euroraums weiter gearbeitet wird. Eine Erholung der globalen Konjunktur kann Reichel bisher nicht erkennen, er erwartet jedoch erste Erholungstendenzen noch bis zum Jahresende: „Wir gehen davon aus, dass die Notenbanken ihre Politik des billigen Geldes fortsetzen und dass Regierungen insbesondere der Schwellenländer Wachstumsprogramme vorziehen oder neu auflegen werden.“ Die derzeit tendenziell rückläufigen Inflationsraten dürften die Margen zahlreicher Unternehmen stabilisieren und die Kaufkraft der Konsumenten steigern.

Alles auf die Aktien-Autobahn?

Sollten Anleger also ihr ganzes Geld vom Parkplatz holen und auf die Aktien-Autobahn schicken? Nein: „Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass ein diversifiziertes Portfolio der einzig sichere Hafen ist. Alle anderen Ansätze haben sich als Luftschlösser herausgestellt“, so Reichel. Die richtige Streuung des Vermögens sei die Grundlage des Anlageerfolgs. Das hat schon US-Ökonom Harry Markowitz vor 60 Jahren erkannt und dafür den Nobelpreis bekommen. Dazu müssen möglichst Investments kombiniert werden, die sich unabhängig voneinander entwickeln. Diese zu finden, stellt Portfoliomanager aktuell vor eine große Herausforderung.