Replik von Georg Oehm „Lieber Peter E. Huber, auch mit tiefer Vola gibt es Cola“

Georg Oehm, Verwaltungsrat und Fondsinitiator bei Mellinckrodt & Cie. | © Wonge Bergmann

Georg Oehm, Verwaltungsrat und Fondsinitiator bei Mellinckrodt & Cie. Foto: Wonge Bergmann

Peter E. Huber schreibt in seinem lesenswerten Monatskommentar „Ohne Vola keine Cola“ über weit verbreitete Missverständnisse im Zusammenhang mit dem Begriff Vola(tilität).    

Risiko

„Risiko ist die Gefahr dauerhafter und substanzieller Vermögensverluste. Und es konnte uns bisher niemand erklären, was an dieser Definition falsch sein soll“ schreibt Huber. Stimmt absolut!

Die Tatsache, dass eine Anlage im Vergleich zu einer anderen weniger Kursschwankungen aufweist, bedeutet nicht, dass das Risiko dieser Anlage geringer ist. Nehmen Sie den in der Versicherungswirtschaft über Generationen weit verbreiteten Schuldschein-Trick. Versicherungen mögen die Kursschwankungen börsennotierter Anleihen nicht. Deshalb ist das Instrument des Schuldscheins sehr beliebt. Im Prinzip ist er identisch mit einer börsennotierten Anleihe. Einziger Unterschied: keine Börsennotiz, kein Handel und damit keine Kursschwankungen. Der Kurs entspricht immer den Werten der Buchhaltung, egal ob die Zinsen steigen oder fallen. Das mögen die Kunden der Versicherung und schlafen ruhig.

Beim Vergleich zweier Emissionen desselben Emittenten – einerseits Schuldschein, andererseits börsennotierte Anleihe – hilft die Betrachtung mathematischer Kennziffern – am besten mit Hinweis „Roboter-geprüft“ – nicht wirklich weiter. Das Ausfallrisiko des Schuldscheins ist identisch mit der Anleihe, obwohl die Volatilität total verschieden ist. Und erzählen Sie mir jetzt nicht, das gäbe es alles nur im Zusammenhang mit Schuldscheinen.

Risiko und Unsicherheit

Das Problem fängt schon bei den Begriffen an. Alle reden von Risiko, wenn eigentlich Unsicherheit gemeint ist. Risiko ist das, was statistisch fassbar ist, weil es Daten gibt. Unsicherheit ist das, was eben nicht statistisch fassbar ist. Hilfsweise wird dann immer von schwarzen Schwänen gesprochen. Deren Beschreibung ist aber auch nicht genauer, als die von Schwarzen Löchern. Man weiß, dass es sie gibt, aber wir dreidimensionalen Menschen können diese Phänomene mit unseren Möglichkeiten nicht richtig erfassen. Mathematiker sprechen von n-dimensionalen Räumen, gesehen habe ich die aber noch nicht und Sie wahrscheinlich auch nicht. Unabhängig davon sollten Sie aber einkalkulieren, dass n-dimensionale Räume existieren.

Evolution als Antwort auf Unsicherheit

Egal ob Dinosaurier, die Hominiden oder Fische aus der Tiefsee. Die Evolution hat millionenfache Antworten darauf gegeben, wie mit Unsicherheit umgegangen werden kann und wie eben nicht. Zentral ist dabei die Erkenntnis, dass nicht der Starke (Goliath), sondern der Flexible (David) gewinnt. Das gilt auch in der Wirtschaft. Vergleichen Sie einfach den Erfolg französischer Staatskonzerne mit dem der Hidden Champions. Die Franzosen verkaufen mit Unterstützung ihres Präsidenten, der Geheimdienste oder anderer Tricks viele TGVs. Deutsche - und übrigens auch französische - Hidden Champions sind führend, wenn es um den weltweiten Verkauf der ganzen Einzelteile geht, aus denen Züge, Autos und Flugzeuge bestehen. Jedem das Seine eben, egal ob an der Seine oder auf der Schwäbischen Alp.