Research-Chef von Ethenea über Inflation & Co. Deflation kann auch mit Wachstum einhergehen

Yves Longchamp, Research-Chef bei Ethenea Independet Investors

Yves Longchamp, Research-Chef bei Ethenea Independet Investors

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DASINVESTMENT.com: Die jährliche Inflationsrate in den 19 Euro-Ländern liegt wieder im Minusbereich. Hat die EZB versagt – trotz ihrer expansiven Geldpolitik?

Yves Longchamp: Die niedrige Inflation in der Eurozone ist in erster Linie auf den Rückgang des Ölpreises zurückzuführen. Wir schätzen, dass dieser Rückgang des Ölpreises die Inflationsrate um rund 1 Prozentpunkt drücken könnte. Mit anderen Worten, wenn die Ölpreise unverändert geblieben wären, läge die Inflation bei 1,0 Prozent und nicht auf der Kippe zum negativen Bereich (0,0 Prozent) wie es aktuell der Fall ist. Nichtsdestotrotz entspricht eine Inflationsrate von etwa 1 Prozent immer noch der Hälfte des erklärten Inflationsziels der EZB. Wenn man einzig und allein auf dieses strikte Ziel schaut, müsste man die Maßnahmen der EZB sicherlich als gescheitert erklären. Allerdings ist die europäische Wirtschaft immer noch auf Erholungskurs, das BIP hat sein Niveau von 2008 noch nicht wieder überschritten und die Arbeitslosenquote liegt bei 11 Prozent – all das sind Fakten, die ungünstig für Inflation sind! Die Rettung des europäischen Bankensystems und des Euro sind viel wichtigere Ziele, die die EZB bereits erreicht hat. Von daher war die EZB meiner Meinung nach schon recht erfolgreich.

Schlittert Europa gerade in eine Deflationsspirale?

Longchamp: Ich glaube nicht, dass Europa gerade in eine Deflationsspirale schlittert, denn die Geldpolitik ist sehr akkommodierend und die Haushaltsbremsen fangen an, sich zu lösen. Wenn wir über Deflation sprechen, kommt uns allen das tragische Beispiel der Depression der 1930er Jahre in den Sinn. Es ist jedoch falsch zu glauben, dass alle deflationären Perioden negativ sind. Im Gegenteil, in den Goldenen Zwanzigern im 20. Jahrhundert, auf die die Weltwirtschaftskrise folgte, herrschte starke Deflation, die aber größtenteils mit Wachstum assoziiert wurde.

Sollte die EZB ihr Quantitative-Easing-Programm ausweiten?

Longchamp: Die jüngsten europäischen Wirtschaftsdaten sind recht ermutigend. Das Wachstum beschleunigt sich, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Kredite nehmen wieder an Fahrt auf und die europäischen Regierungen können sich zu günstigen Konditionen refinanzieren. Es scheint mir in diesem Zusammenhang nicht notwendig, dass die EZB ihr Anleihekaufprogramm verändert. Darüber hinaus ist die Wirksamkeit eines QE-Programms auf die Inflation zweifelhaft, da Letztere ihren Ursprung in globalen Preisveränderungen wie etwa von Rohstoffen oder Öl, in Produktionsgütern und dem starken Anstieg des US-Dollar hat. In ihrer jüngsten Pressekonferenz im Oktober deutete die EZB allerdings bereits an, ihr Anleihekaufprogramm im Dezember ausdehnen zu wollen.

Es versteht sich von selbst, dass ein QE, das vor allem darauf abzielt, die Kreditvergabe an Unternehmen anzuregen, sehr willkommen wäre, sofern sich die Wirtschaftslage verschlechtern sollte.