Risikomanagement Wie lange steigen die Märkte weiter?

Strandspaziergänger bei einsetzendem Regen: Wie lange gelingt es Anlegern Risiken zu tolerieren, wenn sich die Märkte eintrüben?  | © Getty Images

Strandspaziergänger bei einsetzendem Regen: Wie lange gelingt es Anlegern Risiken zu tolerieren, wenn sich die Märkte eintrüben? Foto: Getty Images

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David Buckle, Head of Investment Solutions Design bei Fidelity

Die Suche nach Rendite hat nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. Dass Anleger dazu auch höhere Risiken eingehen müssen, scheint sie kaum zu kümmern. Sie wollen vor allem eine Rendite generieren, die der Inflationsrate näher kommt. Das Thema Bewertung bereitet ihnen weniger Sorgen. Und solange diese Mentalität vorherrscht, werden die Kurse weiter steigen.

Negativzinsen zwingen Anleger zu mehr Risiko

In Europa herrscht eine große Nachfrage nach Rendite. Schuld daran ist das von der Europäischen Zentralbank (EZB) geschaffene Negativzinsumfeld. Deren Aufgabe ist es, die Preise stabil zu halten. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es nach Meinung der Währungshüter, den passenden Zinssatz festzulegen. Ob dieser nun negativ ist oder nicht, spielt für sie keine Rolle – für Anleger aber schon. Sie eint der Wunsch, ihr investiertes Kapital zumindest in voller Höhe zurückzuerhalten.

Bei normalem Zinsniveau ist bei einer Anlage in risikofreie Vermögenswerte garantiert, dass Anleger am Ende der Laufzeit den investierten Betrag plus Zinsen zurückbekommen. Je höher das Anlagerisiko, desto größer die Wahrscheinlichkeit eines Verlusts, der zunächst zu vernachlässigen ist, sich für ein Anleihenportfolio aber durchaus auf rund 10 Prozent summieren kann. Gleichwohl steigt die Verlustwahrscheinlichkeit nicht unendlich, denn mit zusätzlichem Risiko dürfen Anleger auch auf höhere Erträge hoffen. Ihren höchsten Stand erreicht die Verlustwahrscheinlichkeit bei rund 30 bis 40 Prozent: An diesem Punkt gleicht das Risiko dem einer Aktienanlage. Für einen Anleger ist ein Portfolio dann adäquat, wenn der höchste erwartete Ertrag zu der für ihn spezifizierten Verlustwahrscheinlichkeit passt. Letztere entspricht seiner Risikoaversion.

In einer Welt mit Minuszinsen ist bei Bankeinlagen jedoch ein Kapitalverlust garantiert. In diesem widersinnigen Umfeld müssen Anleger Risiken eingehen, um die Wahrscheinlichkeit eines Verlusts zu mindern. Bei Anleihen aus Europa liegt die Verlustwahrscheinlichkeit bei rund 50 Prozent. Nur bei Investment-Grade- und Hochzinsanleihen von Unternehmen, bei Aktien und alternativen Anlagen ist die Wahrscheinlichkeit, dass Anleger ihr Kapital in Gänze zurückerhalten, höher als 50 Prozent. In Zeiten mit Strafzinsen ist der Wunsch, das Kapital zu erhalten, daher ein Maß für die Risikotoleranz – nicht für die Risikoaversion. Anhand der folgenden Grafik konnte ich diesen Zusammenhang einem Anleger aus Europa kürzlich veranschaulichen.

Wahrscheinlichkeit des Kapitalverlusts bei unterschiedlichen Risikoniveaus und gegebener Sharpe Ratio

                                                                                       Quelle: Fidelity International, 10 Januar 2018

Um ihr Kapital zu erhalten, müssen Anleger aus Europa Risiken eingehen. Und das tun sie in nicht unerheblichem Maße.