Robeco Investment Solutions Was die Italienkrise von der Griechenlandkrise unterscheidet

„Die fremdenfeindliche und gegen Brüssel gerichtete Haltung scheint so ziemlich das Einzige zu sein, was die Fünf-Sterne-Bewegung und die Lega-Partei verbindet“, sagt Robecos Chefanlagestratege Lukas Daalder. | © Robeco

„Die fremdenfeindliche und gegen Brüssel gerichtete Haltung scheint so ziemlich das Einzige zu sein, was die Fünf-Sterne-Bewegung und die Lega-Partei verbindet“, sagt Robecos Chefanlagestratege Lukas Daalder. Foto: Robeco

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Diese Krise hat sich langsam angebahnt. Die Finanzmärkte hakten Italiens Parlamentswahlen im März zunächst als wenig beachtenswert ab. Nach dem Urnengang erhöhte sich der Zinsabstand zwischen zehnjährigen italienischen Staatsanleihen und Bundesanleihen gleicher Laufzeit lediglich um vier Basispunkte, und Italiens Aktienmarkt verlor gerade einmal 0,3 Prozent. Die Verluste wurden in den darauffolgenden Wochen, in denen sich italienische Anleihen und Aktien besser entwickelten als Papiere aus der übrigen Eurozone, rasch wettgemacht.

Abb. 1: Wann setzt die Panik nach den Wahlen in Italien ein?

                                                                                           Quelle: Bloomberg, Robeco

Marktstimmung schlägt nach Bündnis um

Doch Ende Mai wendete sich die Situation als sich zeigte, dass die Verhandlungen zwischen den beiden Wahlsiegern – der Fünf-Sterne-Bewegung und der Lega-Partei – entgegen jeder Wahrscheinlichkeit und politischer Gegensätze erfolgreich abgeschlossen werden könnten. Die Lega gilt als äußerst rechtsstehende Partei, die mehr Autonomie für den wohlhabenden Norden Italiens, Steuersenkungen und weniger Einmischung durch die Zentralregierung will. Die Fünf-Sterne-Bewegung dagegen machte sich im Wahlkampf für ein universelles Grundeinkommen, höhere Staatsausgaben und eine Politik stark, die eher den Wählern im weniger wohlhabenden Süden des Landes am Herzen liegt.

Die fremdenfeindliche und gegen Brüssel gerichtete Haltung scheint so ziemlich das Einzige zu sein, was die beiden Parteien verbindet. Die Finanzmärkte antworteten diesmal sehr heftig: Die Rendite auf zweijährige italienische Staatsanleihen stieg an einem einzigen Tag um mehr als 180 Basispunkte auf 2,8 Prozent, sodass sich der Renditeabstand gegenüber der Bundesanleihe gleicher Laufzeit auf fast 300 Basispunkte vergrößerte. Und der italienische Aktienmarkt verlor gegenüber dem Niveau von Anfang Mai 12,5 Prozent. Wird aus dem bisherigen Kräuseln des Wassers also eine Welle?

Wiederholt sich in Italien die griechische Tragödie?

Das hängt von der weiteren Entwicklung ab. Man könnte versucht sein, sich dem Lager derjenigen anzuschließen, die eine Neuauflage des Griechenland-Dramas befürchten. Allerdings sprechen aus unserer Sicht mehrere Faktoren dagegen. Unter anderem zum Beispiel die deutlich größere Wirtschaft Italiens: Ihr Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung der Eurozone beträgt etwa 15 Prozent verglichen mit lediglich 1,6 Prozent im Falle Griechenlands. Außerdem sind die Wirtschaft und das Bankensystem Italiens viel stärker mit der übrigen Eurozone verzahnt. Zudem ist Italien, Zahlen der Deutschen Bank zufolge, mit einer Schuldenquote von 130 Prozent weltweit der drittgrößte Schuldner nach den USA und Japan. Davon sind nur 40 Prozent Inlandsschulden. Den Löwenanteil schuldet Italien mit etwa 35 Prozent ausländischen Anlegern und mit etwa 18 Prozent dem Eurosystem.

Abb. 2: Entgegen einer weit verbreiteten Überzeugung sind Italiens Gläubiger nicht nur die eigenen Landsleute

Während sich Griechenland in eine Ecke gedrängt und vor ein Ultimatum gestellt sah, die Bedingungen der Gläubiger zu akzeptieren oder zahlungsunfähig zu werden, befindet sich Italien als Gründungsmitglied der EU gegenüber den anderen Mitgliedsländern der Eurozone in einer wesentlich stärkeren Verhandlungsposition. Italien ist einfach zu groß, um zu scheitern.

Ein zweiter wichtiger Unterschied: Die Krise in Italien ist vor allem eine parteipolitische Angelegenheit, während die Griechenland-Krise im Wesentlichen das Ergebnis einer nicht dauerhaft tragfähigen Regierungspolitik war. Trotz der sehr hohen Staatsverschuldung ist es Italien seit 2012 gelungen, die Defizitobergrenze von 3 Prozent einzuhalten. Zudem ist der Leistungsbilanzüberschuss mit 2,5 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt recht ansehnlichen und die wirtschaftliche Dynamik hat in den letzten Jahren zugenommen.