Robeco-Investmentexperte zur Wirtschaftslage „Anleger sind der Niedrigzinsphase noch nicht entronnen“

Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions

Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions

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Bei der Überwindung der Ursachen von keinem oder einem nur äußerst geringen Wirtschaftswachstum (Stagnation) gibt es gewisse Fortschritte. Die Arbeitsmarktentwicklung, die Investitionsausgaben und die staatliche Politik sind entscheidend.

Zur Ausgangslage: Die Aktienmärkte sind gestiegen, die Anleihekurse dagegen gefallen. Und die Weltwirtschaft nimmt an Stärke zu. Das wirft die Frage auf: Haben wir inzwischen ausreichend Fahrt aufgenommen, um das „Untergangsszenario” einer lange anhaltenden Stagnation hinter uns zu lassen? Ein umformuliertes Shakespeare-Zitat pointiert die Situation: Reflation oder Stagnation – das ist hier die Frage! Angesichts der weiterhin robusten Konjunkturdaten, die in den letzten Monaten veröffentlicht wurden, hat die Zahl der Artikel, die die These einer lang anhaltenden Stagnation in Frage stellen, eindeutig zugenommen. Deshalb ist unschwer zu verstehen, warum wir dieses Thema für wichtig halten. Wenn es die lange anhaltende Stagnation tatsächlich gibt, wird die derzeitige Konjunkturerholung sicherlich nur vorübergehend sein – nicht mehr als eine kurze Unterbrechung, die noch vor dem Jahresende vergessen sein wird. Für diesen Fall erwarten wir, dass ein Phänomen der letzten sechs Monate bald vorüber sein dürfte: der so genannte „Reflation Trade”. „Und die logische Konsequenz daraus wären anziehende Anleihekurse und rückläufige Aktienkurse.

Wenn eine lang anhaltende Stagnation dagegen nicht viel mehr ist als das Modethema von gestern – eine unzutreffende Vorstellung, die auf einer unglücklichen Verkettung negativer zyklischer Faktoren und nicht auf einem strukturellen Phänomen basiert –, dann dürften in den nächsten Monaten und Jahren positivere Überraschungen auf die Märkte warten. Die Reflation wird weitergehen, so dass man Anleihen nach wie vor meiden sollte, während risikobehaftete Finanzmarktaktiva weiter eine überdurchschnittliche Performance erreichen werden.

Gerät das Verhältnis von Sparen versus Investieren aus den Fugen?

Das allgemein anerkannte Konzept der lang anhaltenden Stagnation – im Gegensatz zu einer normalen Rezession – besagt, dass das übliche Verhältnis zwischen Sparen und Investieren aus den Fugen gerät. Dies liegt zum Teil daran, dass die von der Finanzkrise gebeutelten Banken das Geld ihrer Sparer nicht an Unternehmen verleihen, die es investieren wollen. Die Folgen sind eine chronisch schwache Wirtschaft, geringe Inflation, niedrige Zinssätze und eine ständige Rezessionsgefahr. Weniger einig sind sich Marktbeobachter darüber, wie eine solche lang anhaltende Stagnation beginnt. Ihre möglichen Ursachen reichen von stockendem technischen Fortschritt bis zu den Folgewirkungen der gesellschaftlichen Überalterung und Ungleichheit; wobei diejenigen, die kurz vor dem Ruhestand stehen, und die Wohlhabenderen überproportional mehr sparen als ärmere Bürger. Das durch die globale Finanzkrise beschädigte Finanzsystem hat unterdessen die Banken vorsichtiger werden lassen, so dass sie weniger Kredite vergeben. Außerdem haben die Globalisierung und die zunehmende Automatisierung möglicherweise zu Verzerrungen der Investitionstätigkeit in den Industrieländern geführt.

Und obwohl die Geldpolitik – die Notenbanken haben die Zinssätze auf Rekordtiefstände gesenkt und massive Quantitative Easing-Programme aufgelegt – vielfach als Teil der Lösung gilt, könnte sie auch ein Teil des Problems sein. Da sich in der sehr hohen Nachfrage nach Staatsanleihen mit AAA-Rating ein Ersparnisüberschuss manifestiert, ist nicht ohne Weiteres nachvollziehbar, warum die Notenbanken im Rahmen ihrer geldpolitischen Lockerung umfangreiche Anleihekaufprogramme eingeleitet und damit die Verknappung von sicheren Vermögensgegenständen verschärft haben.