Robeco Marktkommentar Ölpreis drückt Aktienkurse nicht mehr

Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions

Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions

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Die Verbindung zwischen dem Ölpreis und den Aktienkursen dürfte aufgeweicht werden, weil sich die Märkte mittlerweile der damit verbundenen Risiken stärker bewusst sind. Zudem bedeutet eine größere Marktdynamik, dass der Markt seinen Tiefstand schon hinter sich hat, auch wenn es sehr schwierig ist, genaue Prognosen aufzustellen.

Öl war vom ersten Tag dieses Jahres an das beherrschende Thema an den Finanzmärkten und steht hinter den drastischen Kursverlusten von Aktien und Unternehmensanleihen, aber auch hinter der Erholung seit Mitte Februar. Es gibt eine klare Korrelation zwischen den im Tagesverlauf erreichten S&P 500-Indexwerten und den Preisen für die Ölsorte West Texas Intermediate. Dasselbe gilt für den Stoxx 50 und die Preise für die Ölsorte Brent.

Alte Faustregeln für die Märkte werden aufgeweicht

Als Faustregel gilt: Ein Ölpreisrückgang oder -anstieg um einen US-Dollar geht mit Aktienkursverlusten oder -gewinnen von etwa einem Prozent einher. Da sich die Ölpreise seit Jahresbeginn in einer Bandbreite von 15 US-Dollar bewegen, sind auch die Aktienkurse in einem Korridor von 15 Prozent gestiegen oder gefallen. Wenn man aber aus der Vergangenheit irgendwelche Schlüsse ziehen darf, dann wird die Verbindung ‚ein Dollar – ein Prozent’ in Zukunft sicher schwächer werden. Denn die Märkte haben sich inzwischen an niedrige und schwankende Ölpreise gewöhnt und verlieren allmählich das Interesse daran.

Wir sagen nicht, dass Öl nicht mehr wichtig wäre. Wir stellen aber die Frage in den Raum, ob der Öl-Trade – unabhängig von der zukünftigen Entwicklung von Öl – auch in Zukunft einen so dominierenden Einfluss haben wird.

Bekannte Verlaufsmuster – aktivere Investoren haben sich abgesichert

Ist es nicht ein bekanntes Verlaufsmuster, dass für die Finanzmärkte wichtige Themen im Lauf der Zeit ihre Kraft verlieren, die Märkte zu beherrschen? Erinnern Sie sich, wie wir alle gebannt auf die Bewegungen an den Rentenmärkten der EU-Peripherieländer schauten? Schon lange vor Draghis Äußerung, die Europäische Zentralbank werde tun „was auch immer nötig ist“, hatten die Anleihe-Spreads in den Peripherieländern ihre Kraft verloren, die Märkte auf Talfahrt zu schicken.

Ist ein Thema für den Markt dagegen neu und unerwartet, sind auch die Auswirkungen erheblich: Die Risiken sind noch nicht eingepreist worden, und die Kenntnisse werden ungenügend berücksichtigt.

Ein Beispiel: Als der Ölpreis noch bei 70 US-Dollar lag, hielt es zum Beispiel kaum jemand für möglich, dass er auf 50 US-Dollar fallen könnte. Als er dann die Marke von 30 US-Dollar erreicht hatte, verschickten große Investmentbanken Research-Mitteilungen, die besagten, dass ein Ölpreis von 20 US-Dollar in Reichweite sei.

Gleichmäßiges Risikoprofil und weniger einseitige Wetten

Für uns steht fest: Ist so etwas passiert, dürfte das Risikoprofil am Markt viel gleichmäßiger sein, sodass es eine weitaus weniger einseitige Wette ist. Vielleicht nicht alle, aber zumindest die aktiveren Investoren haben sich abgesichert und Hedging-Geschäfte vorgenommen. Ein weiterer Ölpreisrückgang würde nicht mehr den gesamten Markt nach unten ziehen; einige Marktteilnehmer würden sogar davon profitieren.

Hinzu kommt, dass sich die Welt weiter dreht. Unternehmen melden Gewinne, Konjunkturdaten werden veröffentlicht und die Notenbanken ändern ihren geldpolitischen Kurs. Die Weltwirtschaft bricht nicht zusammen, der von vielen befürchtete Kurssturz bleibt aus, und die Aufmerksamkeit verlagert sich langsam aber sicher zu anderen Themen.

Als Griechenland zum dritten Mal vor einem Austritt aus der Eurozone stand, war das nur noch ein regional bedeutsames Ereignis, aber nicht mehr das Hauptereignis, das das Geschehen an den weltweiten Finanzmärkten bestimmte.

Stabilisierung der Ölpreise erwartet

Mit Prognosen zum Ölpreis sind wir zurückhaltend. Allerdings glauben wir, dass der allgemeine Trend nach oben geht. Generell ist klar, dass das sehr niedrige Ölpreisniveau vom Februar zu einem langsamen, aber stetigen Angebotsrückgang am Markt führt und die Investitionen zur Erschließung neuer Ölvorkommen deutlich zurückgehen. Irgendwann werden Angebot und Nachfrage dadurch wieder ins Gleichgewicht gebracht. Bis dahin kann aber einige Zeit vergehen, und nach Schätzungen der internationalen Energieagentur werden wir frühestens 2017 an diesem Punkt ankommen.