Saudi Arabien öffnet sich für Anleger Experte rechnet mit Wachstumsraten von 15 Prozent und mehr

Stefan Böttcher, Fondsmanager und Saudi-Arabien-Spezialist bei Charlemagne Capital

Stefan Böttcher, Fondsmanager und Saudi-Arabien-Spezialist bei Charlemagne Capital

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Herr Böttcher, als Portfolio-Spezialist für Schwellenländer sind Sie viel in Saudi Arabien unterwegs. Man hört oft von einer strikten Geschlechtertrennung dort. Würde eine Fondsmanagerin, also eine Frau, Ihre Aufgabe genauso gut leisten können wie Sie?

Stefan Böttcher: Das denke ich schon, ja. Auf Konferenzen vor Ort treffen wir mehr und mehr Fondsmanagerinnen. In den Hotels gibt es allerdings zum Beispiel ein Stockwerk nur für Frauen. Da ist man schon getrennt. Aber dass man zum Beispiel nicht zusammen in einem Auto sitzen darf, habe ich aus eigener Erfahrung nicht erlebt. Vieles ist liberaler geworden.

Ein Beispiel?

Bei meinem ersten Besuch sah man so gut wie keine nicht verschleierte Frau. Also wirklich voll verschleiert, nur mit einem kleinen Sehschlitz zum Rausgucken. Das ist in den letzten fünf Jahren etwas entspannter geworden. In Geschäftszentren sieht man mehr und mehr nicht verschleierte Frauen. Frauen sind auch immer mehr in den Arbeitsmarkt integriert. Die Regierung schickt jetzt junge Studenten zum Studieren ins Ausland, auch Frauen.

Wie sieht denn ein typisches Geschäftstreffen mit Ihren saudischen Partnern aus?

Die Management-Teams, mit denen wir zusammenarbeiten, haben viel internationale Erfahrung. Da sind die Umgangsformen ganz anders als im Alltag. Die Herren haben in Saudi Arabien typischerweise ein weißes Gewand an. Wenn sie nach London kommen, sind sie aber genauso angezogen wie wir. Und das gilt auch typischerweise für die Damen im Management-Team: In Saudi Arabien sind sie verschleiert. Wenn sie in den Westen kommen, sind sie angezogen wie westliche Business-Damen.

Kennzeichnen Sie doch bitte einmal den saudischen Markt für uns.

Saudi Arabien ist mit 560 Milliarden US-Dollar ein sehr großer liquider Markt. Unter den Emerging Markets ist er etwa der siebtgrößte mit einer täglichen Liquidität von etwa 2,3 Milliarden US-Dollar. Damit liegt er wahrscheinlich unter den Top 5 der Schwellenländer. Im Moment machen Privatanleger etwa 90 Prozent der Umsätze aus. Inländische Anleger können bisher nur bedingt im Ausland investieren und ausländische Anleger nur bedingt in Saudi Arabien. Entsprechend hoch ist die Liquidität. Im Moment hat der Markt knapp 170 gelistete Unternehmen in 15 verschiedenen Branchen. Die bedeutendste Branche ist die Petrochemie. Sie macht 20 Prozent der Marktkapitalisierung aus.  

Am 15. Juni öffnet das Land seinen Markt für internationale Investoren. Können Sie kurz beschreiben, was das konkret bedeutet?

Das bedeutet erst einmal, dass alle qualifizierten Investoren in den Markt investieren dürfen. Man braucht einen QFI-Status (Qualified  Foreign Investor, die Red.), so wie in vielen anderen Emerging Markets. Es gibt Auflagen, um diesen Status zu bekommen. Noch kann nicht jeder Kleinanleger in Saudi Arabien direkt investieren, aber ich sehe das als ersten Schritt zur totalen Öffnung.

Sie verfolgen ein Bottom-up-Prinzip. Wie gehen Sie bei der Recherche zu den einzelnen Portfolio-Werten vor?

Wir gehen vor Ort und treffen uns mit den Management-Teams, sehen uns Bilanzen im Detail an. Teilweise besichtigen wir die Produktionsstätten oder gehen in ein Hospital. Bei einer Fast-Food-Firma sind wir beispielsweise vor Ort und testen die Produkte.
Für viele Unternehmen ist es eine neue Erfahrung, sich mit Finanzinvestoren auseinanderzusetzen. Man muss natürlich immer ein bisschen vorsichtig sein. Wenn man zu kritisch auftritt, ist das dort nicht immer unbedingt positiv gesehen. Ein Problem ist bei kleinen Unternehmen, dass wir Informationen nicht regelmäßig zeitnah auf Englisch bekommen. Da müssen wir uns teilweise mit den offiziellen Bekanntmachungen auf Arabisch zufriedengeben.