Schroders Aktienmarkt-Kommentar Was bedeutet der Brexit für Aktienanleger?

Rory Bateman, Head of UK & European Equities bei Schroders

Rory Bateman, Head of UK & European Equities bei Schroders

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Eine erste Einschätzung von Rory Bateman, Head of UK & European Equities bei Schroders.

Es gibt eine Vielzahl von Fragen und Verwerfungen, die sich unmöglich alle hier aufzählen lassen. Deshalb konzentrieren wir uns auf die wesentlichen Punkte, die heute für Anleger zählen.

1. Haben „Remain“-Wähler Angst vor Risikopapieren?

Viele Anleger aus dem EU-freundlichen Lager sehen große wirtschaftliche Unsicherheiten, die sich durch einen Brexit ergeben. Nun hat sich eine Mehrheit der Briten entschieden, die EU zu verlassen. Möglicherweise schätzen die Anhänger des unterlegenen Lagers die Situation als unsicher ein und fürchten, dass die Risiken für die britische Wirtschaft zu groß sein könnten – und trennen sich von ihren Aktien.

Wie umfangreich diese Verkäufe ausfallen, wird sich unmittelbar auf die Marktreaktion in den nächsten Tagen und Wochen auswirken. Wir sehen die Gefahr, dass die negative Stimmung eine Eigendynamik entwickelt und zu einer mehr als deutlichen Marktkorrektur führen wird. Allerdings haben sich Aktien im Vorfeld des Referendums einigermaßen schwach entwickelt und die negative Marktstimmung dürfte zum Teil schon eingepreist sein.

2. Der britische Aktienmarkt tendiert nach unten: Kurzfristig oder fundamentale Neubewertung?

Die Unternehmen des FTSE 100 Index erwirtschaften ihre Gewinne zu 78 % außerhalb Großbritanniens. Und durch den deutlicheren Effekt einer schwächeren britischen Währung dürften sich die negativen Auswirkungen auf die Gewinne in Grenzen halten – trotz der allgemein erwarteten Dämpfer für die britische Wirtschaft.

Mittelgroße britische Unternehmen im FTSE 250 Index entwickelten sich dieses Jahr rund 3 % schlechter als die im FTSE 100 vertretenen Werte. Damit zeigt sich, dass die eher binnenwirtschaftlich orientierten mittelgroßen Unternehmen bereits die erwartete Schwäche der britischen Wirtschaft zu spüren bekommen. Und diese Tendenz dürfte sich mit dem heutigen Ergebnis noch verstärken. Langfristig orientierte Anleger sollten möglicherweise auf die deutlichen Preiskorrekturen reagieren, die auch durch geringe Liquidität entstehen.

3. Insgesamt könnten sich Chancen ergeben, und Unternehmen mit weltweitem Fokus könnten sich überdurchschnittlich entwickeln.

Europäische Aktien befinden sich im Vergleich zu US-Titeln auf Allzeit-Tiefs. Dass Europa seit dem Ende der Finanzkrise deutlich hinter den Vereinigten Staaten zurückgeblieben ist, erklärt sich im Wesentlichen durch die unterschiedliche Gewinnsituation für die Unternehmen. Die ganz aktuellen Unterschiede ergeben sich vor allem jedoch durch die Bedenken über die Zukunft der Europäischen Union.

Zu einem gewissen Punkt sehen wir überzeugende Chancen und einiges Wertpotenzial bei europäischen Aktien, denn der Markt hat offenbar schon ein vom Brexit befeuertes Worst-Case-Szenario eingepreist. Zeiten von Marktstress fallen häufig mit fast willkürlichen Verkäufen zusammen. In diesem Umfeld dürften global ausgerichtete Konzerne mit Engagements außerhalb der EU das deutlichste Aufwärtspotenzial bieten.

4. Andere Aktienmärkte drohen sich anzustecken, besonders an der europäischen Peripherie…

Großbritannien ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union, der Anteil des gesamten Bruttoinlandsprodukts liegt bei 16 Prozent. Ohne Großbritannien können sich die Veränderungen signifikant auf die restlichen Staaten auswirken. Gerade in Staaten am Rande Europas könnten sich die Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen erhöhen, da die Märkte eine weitere Zersplitterung der Union fürchten.

5. Die Unsicherheiten könnten die US-Notenbank dazu bringen, Zinsschritte zu verschieben.

Nicht unwahrscheinlich ist, dass der Brexit zu einer Aufwertung des US-Dollar führt, denn die Währung gilt als sicherer Hafen. Außerdem könnte sich dies auf niedrigere Rohstoffpreise durchschlagen und damit weitere Schritte der US-Notenbank Fed überflüssig machen: Denn ein stärkerer Dollar wirkt an sich schon restriktiv.

Außerdem: Die Bergbauindustrie und Rohstoffe machen einen wesentlichen Teil im FTSE 100 Index aus – und im skizzierten Umfeld könnte dies den Index unter Abwärtsdruck setzen.