Thilo Wolf im Interview „Schwellenländer sind die Domäne aktiver Manager“

Thilo Wolf, Deutschland-Chef von BNY Mellon IM | © Andreas Mann

Thilo Wolf, Deutschland-Chef von BNY Mellon IM Foto: Andreas Mann

DAS INVESTMENT: US-Präsident Donald Trump hatte zum Amtsantritt einen knallharten US-Wirtschaftsprotektonismus angekündigt. Das hatte bei Emerging-Markets-Investoren für Nervosität gesorgt. Wie sieht die Situation heute aus?

Thilo Wolf: Die Unruhe hat sich weitgehend gelegt, und man sollte das Thema differenziert betrachten. Indien etwa wurde durch den großen Heimatmarkt vom Wahlausgang in den USA kaum beeinflusst. Für den mexikanischen Peso wiederum hatten die angekündigten Trumponomics zwischenzeitlich große Effekte. Und: Wenn man einen aktiven Asset-Manager mandatiert hatte, konnte dieser auch während der Schockwelle in Mexiko attraktive Titel finden, zum Beispiel im Bereich Konsumgüter.

China gilt als wichtigster Schwellenländermarkt. Inwiefern ist Ihr Portfolio denn vom Wohl und Wehe der chinesischen Konjunktur abhängig?

Natürlich ist China ein elementarer Marktfaktor. Dennoch ist auch hier ein aktives Fondsmanagement klar im Vorteil. Der chinesische Aktienindex ist stark Old-Economy-abhängig, mit starker Gewichtung von Staatsbetrieben und Finanzdienstleistern. Das China-Exposure unserer globalen Emerging-Markets-Aktienstrategie konnte den Index in diesem Jahr bereits um rund 9 Prozent outperformen. Ein Grund hierfür: Unsere Fondsmanager haben vorrangig in Unternehmen aus dem Bereich E-Commerce oder Bio-Technologie investiert, die eine ganz andere Wachstumsfantasie und -dynamik mitbringen.

China und Indien waren neben Brasilien und Russland Bestandteil der sogenannten Bric-Story. Wie bewerten Sie diese im Nachhinein?

Die Bric-Story war eine geniale Marketing-Geschichte, um die allgemeine Aufmerksamkeit stark auf die Emerging Markets zu lenken. Problematisch aber war, dass man sich lediglich auf vier Länder konzentriert hat, die zudem eine heterogene Entwicklung zeigen. Denn die Realität ist komplex. Schauen wir uns etwa Brasilien an: Es war sicherlich gut, in diesem Jahr dort investiert zu sein. Die Jahre davor sah das anders aus. Gegenüber Russland sind viele von unseren Managern sehr zurückhaltend, weil der Staat Unternehmen massiv kontrolliert und beeinflusst. Ein weiterer Punkt: Als der MSCI-Emerging-Markets-Index 1987 lanciert wurde, war dort zu 37 Prozent Malaysia gewichtet. Die Chancen von Malaysia wurden in der Bric-Story überhaupt nicht berücksichtigt.

Noch befürchten Berater und Anleger, Opfer eines starken Marktabschwungs zu werden. Was entgegnen Sie hier?

Man sollte keinen kurzen Investitionshorizont von drei Jahren, sondern eher von 15 oder 20 Jahren veranschlagen. Dann ist das Timing nicht entscheidend. Meines Erachtens ist ein Investment in die Emerging Markets ein Muss und sollte essenzieller Bestandteil jeder strategischen Asset-Allokation sein. Denn die Welt hat sich stark verändert: Wenn Sie sich heute etwa die Volatilität von Local Currency Corporate Debt anschauen, dann ist diese fast identisch mit US-Treasuries, also mit einer der vermeintlich sichersten Assetklassen. Zudem finden Sie in den Schwellenländern im Bereich Investment Grade Corporate Bonds eine niedrigere Duration, aber höhere Kupons als zum Beispiel in den entwickelten Märkten.