Stichwahl in Frankreich „Ein Sieg Le Pens sollte noch nicht abgeschrieben werden“

Marine Le Pen vom Front National (l.) und Emmanuel Macron von der jungen Partei „En Marche!“ im Wahlkampf | © Getty Images

Marine Le Pen vom Front National (l.) und Emmanuel Macron von der jungen Partei „En Marche!“ im Wahlkampf Foto: Getty Images

Werner Kolitsch, Head of Germany & Austria bei M&G

Zum Handelsstart gab es an den Finanzmärkten am Montagmorgen einige Bewegung als Reaktion auf das Ergebnis in Frankreich: Emmanuel Macron wird in der zweiten Runde der Wahl zum französischen Präsidenten gegen Marine Le Pen antreten. Die Spreads europäischer Unternehmensanleihen verengten sich und der Euro stieg um mehr als 1 Prozent gegenüber dem US-Dollar.

Die Erleichterungsrally wurde auch von den jüngsten Umfragen getrieben, die Macron einen komfortablen Vorsprung bescheinigen und darauf hindeuten, dass er der nächste französische Präsident werden wird. Der Markt preist nun recht zuversichtlich ein Szenario unter „Président Macron“ ein. Selbstverständlich sollte ein Sieg Le Pens aber noch nicht völlig abgeschrieben werden. Abhängig von den weiteren Umfrageergebnissen können sich die Märkte weiterhin volatil zeigen.

Weitere Wahlen in Europa

Über die nächsten Monate stehen weitere politische Entscheidungen in Europa an: Parlamentswahlen in Großbritannien im Juni, die Bundestagswahl im September und eine Wahl in Italien vor April 2018. Es sieht so aus, als ob letztere die größten Schwankungen an den Finanzmärkten auslösen könnte, da das Risiko eines Anstiegs populistischer Stimmen höher ist. Da die Wahl in Italien womöglich aber erst 2018 stattfindet, steht sie kurzfristig noch nicht im Fokus.

EZB steht jetzt im Fokus

Stattdessen wird sich die Aufmerksamkeit nun auf die anziehende Wirtschaft der Eurozone richten und die Aussicht, dass die EZB damit beginnen könnte ihre geldpolitischen Anreize zurückzufahren. Über die nächsten Monate dürften daher die Renditen europäischer Staatsanleihen unter Druck geraten, ebenso wie europäische Investment Grade-Unternehmensanleihen, die von den EZB-Maßnahmen profitiert haben. Das Unternehmensanleihekaufprogramm hat sich als kräftige Stütze für kurzfristige Anleihen mit A-Rating erwiesen, insbesondere für Unternehmensbonds aus der europäischen Peripherie.

Für die wichtigsten europäischen Staatsanleihen erwarten wir zwar keine stark steigenden Renditen, halten aber eine gewisse Steigerung aufgrund der höheren Inflationsprämie für möglich. Aus diesem Grund sind wir bei Duration in Europa untergewichtet. An den Märkten für Unternehmensanleihen sollten die Ausfallraten weiterhin niedrig bleiben, da die Wirtschaft sowohl weltweit als auch in Europa über die nächsten 12 bis 18 Monate auf Wachstumskurs ist und daher ein günstiges Umfeld für europäische Unternehmen mit Investment Grade- und High Yield-Rating bietet.

Inflation dürfte anziehen

Mit dem Wirtschaftswachstum in Europa wird wohl auch die Kerninflation im Laufe dieses Jahres ansteigen. Wir gehen daher davon aus, dass die EZB im dritten Quartal ein Tapering ihres Ankaufprogramms ankündigen wird. Der Einlagenzins dürfte dann Anfang 2018 steigen und der Refinanzierungssatz möglicherweise Ende 2018 angehoben werden.

Das Finanzierungsumfeld in Europa wird damit wahrscheinlich äußerst komfortabel bleiben und die EZB ihre Anreizmaßnahmen nur sehr allmählich abbremsen, da sowohl öffentliche als auch private Schulden in der Eurozone auf hohem Niveau liegen.