Studie des Flossbach von Storch Research Institute German Angst: Wie Verlustangst die Vermögensbildung behindert

Protestkundgebung gegen die Heraufsetzung des Renteneintritts: 71 Prozent der Deutschen machen sich Sorgen um ihre finanzielle Absicherung im Alter.  | © Getty Images

Protestkundgebung gegen die Heraufsetzung des Renteneintritts: 71 Prozent der Deutschen machen sich Sorgen um ihre finanzielle Absicherung im Alter. Foto: Getty Images

Marius Kleinheyer, Research Analyst beim Flossbach von Storch Research Institute

Uns geht es doch gut oder?

Eine repräsentative Umfrage des Flossbach von Storch Research Institute in Zusammenarbeit mit der GfK zeigt: 76 Prozent der Befragten blicken mit Sorge in die Zukunft. 71 Prozent bestätigen, dass sie sich Sorgen um ihre finanzielle Absicherung im Alter machen.

Aber warum geht in unserer im internationalen Vergleich satten Gesellschaft die Angst um? Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge hängt die Angst vor Statusverlust vor allem mit beruflichem Misserfolg zusammen. Dabei sorgen sich inzwischen immer weniger Menschen davor, ihren Job zu verlieren. Seit Ende der 1980er Jahre nahm die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust kontinuierlich zu, in den Jahren 2004 und 2005, als Deutschland als „kranker Mann in Europa“ galt, fand dieser Trend seinen Höhepunkt (siehe Grafik 1).

Grafik 1: Verlauf der Sorge vor Arbeitsplatzverlust 1984 bis 2014 (vor 1999 nur Westdeutschland)

Quelle: Lengfeld/Ordemann (2016), „Die Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg revisited“

Seither hat sich Deutschland zum Wirtschaftsmotor des Kontinents gewandelt und die Angst vor Jobverlust ist drastisch gesunken. Zugenommen hat hingegen die Skepsis gegenüber der Politik und politischen Institutionen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise.

Die genannte Umfrage hat außerdem ergeben, dass die Menschen in Deutschland große Vorbehalte gegen Investitionen in Aktien hegen – und eine Mehrheit deshalb ökonomische Nachteile in Kauf nimmt. Obwohl über 70 Prozent der Befragten zuerst ihrem eigenen Vermögen als Quelle für die Altersvorsorge vertrauen, geben 76 Prozent an, weder über Wertpapiere noch Fondsanteile zu verfügen. Sehr viele der Befragten verstehen es also nicht, ihr Vermögen so anzulegen, dass es den erhofften Schutz bringen kann.

Grafik 2: Eigener Besitz von Anlageprodukten

Quelle: Flossbach von Storch Research Institute in Zusammenarbeit mit der GfK

Verlustangst: Ein menschlicher Grundbaustein

Stellen Sie sich vor, Ihnen wird eine Wette angeboten: Die Münze entscheidet, bei Kopf erhalten Sie 120 Euro, bei Zahl müssen Sie 100 Euro zahlen. Nehmen Sie an? Tatsächlich würden die meisten Menschen die Wette ablehnen, obwohl der Erwartungsnutzen positiv ist. Doch der subjektiv empfundene Schmerz des Verlustes wiegt höher als die Freude über den Gewinn. Psychologen wissen: Schlechte Nachrichten hinterlassen im Allgemeinen einen intensiveren Eindruck als gute Nachrichten. Schon negativ besetzte Wörter können im Gehirn Szenarien einer latenten Bedrohung auslösen. Hintergrund sind Überbleibsel aus der Evolution des Menschen: Eine verpasste Chance bleibt zunächst folgenlos. Eine übersehene Bedrohung oder ein gravierender Fehler endet gegebenenfalls tödlich.

Die Angstgesellschaft

Zur Entwicklung von Angst als gesamtgesellschaftlichem Problem haben drei verschiedene Phänomene beigetragen: Individualisierungsprozesse, die Zunahme gesellschaftlicher Komplexität sowie die Veränderung der kulturellen Wahrnehmung der Ungewissheit menschlicher Lebenserfahrungen in modernen Gesellschaften.

So haben sich im Zuge von Individualisierungsprozessen traditionelle Anknüpfungspunkte wie Familie, Religion oder Beruf aufgelöst. Diese Prozesse zeigen sich zum Beispiel in einem allgemeinen Trend hin zu Ein-Personen- und Alleinerziehungshaushalten – die klassische Kernfamilie ist unter Druck. Vor diesem Hintergrund nimmt die Polarisierung der Einkommens- und Vermögensverhältnisse zu.

Aufgrund der Zunahme der gesellschaftlichen Komplexität sehen sich Menschen Entwicklungen gegenüber, die unmöglich zu überblicken und zu beherrschen sind, etwa Klimawandel, Globalisierung und Migration.

Die kulturelle Wahrnehmung der Ungewissheit menschlicher Lebenserfahrungen in modernen Gesellschaften hat den Umgang mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen erschwert. Seit der Epoche der Aufklärung überwog der Fortschrittsglaube. Doch an seine Stelle ist infolge des 20. Jahrhunderts Desillusion und die Einsicht getreten, dass eine ideale Welt nicht möglich ist. Der Schrecken des 20. Jahrhunderts wirft insbesondere in Deutschland immer noch einen langen Schatten auf die Versprechen der Moderne.