„Teilweise irrationale Bewertungen“ „Keine generelle Blase bei Tech-Aktien zu erkennen“

Die Snapchat-Gründer Bobby Murphy und Evan Spiegel (v.l.) mit NYSE-Chef Thomas Farley beim New Yorker Börsengang von Snap am 2. März. | © Getty Images

Die Snapchat-Gründer Bobby Murphy und Evan Spiegel (v.l.) mit NYSE-Chef Thomas Farley beim New Yorker Börsengang von Snap am 2. März. Foto: Getty Images

Quirien Lemey, Portfoliomanager des Fonds DPAM Invest B Equities World Sustainable von Degroof Petercam Asset Management (DPAM)

Alte Wunden heilen nur langsam

Fast zwei Jahrzehnte sind nun schon vergangen, als die sogenannte Dotcom-Blase platzte. Dass dieses traumatische Erlebnis in den Köpfen vieler Finanzmarktakteure noch präsent ist, zeigen die wieder immer aufflackernden Diskussionen um das Entstehen einer neuen Blase bei Technologieaktien.

Insbesondere dann, wenn Börsengänge von einer großen öffentlichen Aufmerksamkeit begleitet werden oder aufstrebende Technologie-Start-Ups den erfolgreichen Abschluss ihrer Mittelbeschaffung bekannt geben. Auch mit den niedrigen Volatilitäten bei den Aktien der US-Tech-Giganten Facebook, Amazon, Apple, Microsoft und Google – kurz FAAMG genannt – verbindet derzeit mancher Marktbeobachter eine übertriebene Euphorie.

Das globale Universum an Technologieaktien ist heute fundamental betrachtet ein ganz anderes als zu Beginn des Jahrtausends. Damals basierten die Bewertungen vielfach auf heißer Luft. Im Durchschnitt waren die Bewertungen im Tech-Sektor dreimal höher als heute. Viele Tech-Unternehmen verloren Geld anstatt welches zu verdienen. Heute hingegen gehören Technologiefirmen zu den ertragsstärksten Unternehmen. In der Folge stimmen dann auch häufig die anderen Kennzahlen.

„Old Techs“ zeigen sich äußerst solide 

Als Beispiele seien die FAAMG-Unternehmen angeführt. Ein Großteil ihrer starken Aktienperformance ist fundamental gerechtfertigt. „Old Techs“ wie Apple, Microsoft und auch andere Softwareentwickler sind in der Regel etablierte Unternehmen und neigen dazu, wahre Cash-Cows zu sein, und das bei relativ niedrigeren Bewertungen.

Bei stark wachsenden jungen Technologieunternehmen, wie zum Beispiel Uber, rate ich allerdings zur Vorsicht. So sehe ich im Segment der „New Techs“ tatsächlich in einigen Teilen Merkmale einer sich möglicherweise abzeichnenden Bewertungsblase. Beim Börsengang wurden die Aktien von Snap zu utopischen Preisen gehandelt.

Besonders in Sub-Sektoren des Technologieuniversums, in denen es wenige vergleichbare Player gibt, können sich so auch irrationale Bewertungen aufbauen. Denn niemand will das nächste Amazon oder Netflix verpassen. Schließlich beträgt zum Beispiel der Wert der Amazon-Aktie aktuell mehr als das 50-fache als zum Zeitpunkt des Börsenganges des Unternehmens im Jahr 1997.

Anleger sind bereit, mehr Risiken zu tragen

Sicherlich bergen durchaus einige Technologieaktien Risiken, die möglicherweise von Anlegern ausgeblendet oder nicht erkannt wurden. Das erklärt die niedrige Volatilität der Tech-Aktienkurse und die hohe Präsenz mancher Tech-Titel in den Anlegerportfolios. Aber man muss auch sehen, dass der Markt gerade wieder damit beginnt, sich mit Tech-Aktien wohlzufühlen. Dadurch sind viele Anleger auch bereit, ein höheres Risiko zu tragen, das mit diesen Investments verbunden ist.

Nur geringe Auswirkungen erwarte ich von den Rekord-Milliarden-Strafzahlungen, die die EU-Wettbewerbskommission dem Google-Mutterkonzern Alphabet wegen missbräuchlicher Marktmacht in Europa auferlegt hat. Fakt ist, dass das Tech-Segment den allgemeinen Aktienmarkt kurz-, mittel- und langfristig outperformt hat. Wir meinen, dass Technologieaktien ihre Bewertungsprämien regelmäßig verdient haben. 

Nachhaltigkeitskriterien bei Tech-Aktien

Bei DPAM sind wir darüber hinaus überzeugt, dass neben klassischen Bewertungskriterien auch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien, wie die Einhaltung von Umweltschutzstandards, soziale Belange sowie Unternehmensführung bei der Analyse von Technologieaktien einen positiven Zusatzertrag liefern können.

Beispielsweise hat der Instant-Messaging-Dienst Snap bei seinem Börsengang Aktien ohne Stimmrecht ausgegeben – nach meiner Ansicht ein klarer Verstoß gegen das Prinzip „Eine Aktie - Eine Dividende - Eine Stimme“. Anleger hat die Snap-Aktie nach dem anfänglichen Hype bislang nicht überzeugt, sie notiert derzeit rund 25 Prozent unter ihrem Ausgabekurs.