Thorsten Schulte: „Der April-Preisrutsch war eine Manipulation“

Thorsten Schulte, der sogenannte Silberjunge

Thorsten Schulte, der sogenannte Silberjunge

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DAS INVESTMENT.com: Welche Trends beobachten Sie gerade am Gold- & Silbermarkt?

Thorsten Schulte:
Wir befinden uns derzeit in einer Phase, in der maximale Verunsicherung und größtmöglicher Pessimismus unter Investoren zu beobachten ist. Die Medien stürzen sich gerade auf Gold und Silber wie Aasgeier auf einen Kadaver.

Natürlich haben wir es im OECD-Raum mit den alten 34 Industriestaaten derzeit nur mit einer Inflation von offiziell 1,6 Prozent zum Vorjahr zu tun, aber das gesamte Papiergeldsystem ist doch aus den Fugen geraten. Die Geldmenge im OECD-Raum und den großen Schwellenländern Brasilien, Russland, Indien, Indonesien, China und Südafrika (BRIICS) lag Ende 1999 noch bei rund 21.000 Milliarden US-Dollar und Ende 2013 waren es bereits über 66.000 Milliarden US-Dollar.

Derzeit werden die aus der Papiergeldblase resultierenden Risiken völlig ausgeblendet und den Menschen eine heile Welt vorgegaukelt. Ich falle auf diese Alles-wird-gut-Rhetorik nicht herein.
 
Nach dem April-Preisrutsch könnte man meinen, dass insbesondere institutionelle Anleger den Preistrend beim Gold bestimmen. Ist es für Sie wichtig – auch als Silberinvestor –, deren Investitionsverhalten besonders im Blick zu haben?

Schulte:
Zunächst zum April-Preisrutsch. Am 15. April wurden 2.336 Tonnen Gold am Terminmarkt verkauft, die 82 Prozent der Jahresminenproduktion entsprechen. Die Art und Weise der medialen Vorbereitung des Preisrutsches und die Vorgänge am US-Terminmarkt für Gold und Silber lassen mich klar von einer augenscheinlichen Manipulation sprechen.

Am 15. April 2013, einem Montag, wurden plötzlich große Verkaufsorders zwischen 3.40 und 4.20 Uhr in einem verdammt dünnen Markt getätigt und ein Preisrutsch ausgelöst. Angenommen Sie wollten sich um größere Goldpositionen erleichtern, würden sie so stümperhaft vorgehen? Mit diesem Vorgehen stellen Sie sicher, dass sie möglichst zum schlechtesten Preis verkaufen. Das Gleiche ergab sich am 20. Mai, auch einem Montag, kurz nach Mitternacht im Silbermarkt.

Ich kann mit meinem Bloomberg-Terminal diese Intraday-Bewegungen nachzeichnen und ich finde es skandalös, dass keine Aufsicht einschreitet. Erstaunlich ist dies allerdings nicht, denn Zentralbanken, Großbanken und Regierungen kann nicht daran gelegen sein, dass das Fieberthermometer unseres Papiergeldsystems – nichts anderes sind Gold und Silber – ein steigendes Fieber anzeigen. Wenn nun das Fieberthermometer zerstört wird, bleibt der Patient dennoch sterbenskrank.

Institutionelle Anleger handeln oftmals auch prozyklisch. Für mich sind viele Indikatoren wichtig, die uns ein Gespür vermitteln, ob Euphorie oder Untergangsstimmung am Markt vorherrscht. Derzeit ist der Marktpessimismus historisch extrem hoch. Gerade jetzt halte ich Gold und noch viel mehr Silber die Treue. Seit langem mahne ich aber zu Geduld und warne vor der Streckfolter. Deshalb habe ich bei 35 US-Dollar im September 2012 vor Euphorie gewarnt und seit Ende 2012 sehr langlaufende Optionsscheine erworben, die ich in den vergangenen Tagen und Mitte April aufstockte. Wir brauchen Zeit.

Wird der Silberpreis sich dieses Jahr noch erholen?

Schulte:
Wenn die Menschen das Ausmaß der Papiergeldblase erkennen und die Schönfärberei der Lage durch Zentralbanken, Regierungsinstitutionen und die vielen Medien nicht mehr verfängt, werden Gold und Silber wieder sehr gefragt sein. Die Menschen sind in Papiergeldansprüchen hoffnungslos überinvestiert und in Edelmetallen kaum engagiert. Der Vertrauensverlust wird kommen.

Das Schöne bei Silber ist, dass es aber auch ohne Vertrauensverlust ins Papiergeld zur großen Wende kommen könnte wie 2010/2011. Wenn die großen Liquiditätsspritzen der Zentralbanken einen deflationären Kollaps der überschuldeten westlichen Hemisphäre verhindern, wird die Weltwirtschaft wieder Fuß fassen und dies wäre gut für die Silbernachfrage. Silber wird verbraucht, während Gold gehortet wird.

Mich beunruhigt sehr die gigantische Blase in China, über die ich in meinem jüngsten Silberbulletin schrieb. Die Menschen im Westen sehen die gigantische Verschuldung nicht. Aktuell ist der Interbankensatz Chinas für 3 Monate von 3,89 Prozent am 6. Juni 2013 auf 5,8 Prozent am 20. Juni angestiegen. Vier der zehn größten Banken der Welt kommen aus China. Ende der 1980er Jahre dominierten bekanntlich die Banken Japans diese Liste und wir wissen, wie es endete.

Letztlich wird nach meiner Einschätzung die Entwicklung in China Gold und Silber Rückenwind verschaffen, denn die kommunistische Partei dort kann sich eine Krise wie 1929 weltweit genauso wenig leisten wie die westlichen Demokratien. Money Printing ist dann angesagt.  

Welche „Game Changer“ könnten künftig den Gold- und Silberpreis maßgeblich beeinflussen? Sind es die Zentralbanken, die zunehmend Gold aufkaufen? Was könnte den Silberpreis antreiben?

Schulte:
Derzeit wird von vielen Vermögensverwaltern und Finanzexperten die Nebelkerze gezündet, Aktien seien alternativlos und aufgrund ihres Substanzwertes der beste Inflationsschutz. Seit Jahren zeige ich mit historischen Untersuchungen, dass Aktien bei Inflationsschüben in der Regel leiden. Ich werde meinen Lesern am 22. Juni dazu nochmals umfassende Informationen geben, denn gerade jetzt geht es darum, dass große Bild richtig zu sehen.

Solange es noch nicht wieder zu Inflation kommt, heben die Liquiditätsspritzen der Notenbanken die Aktienkurse hoch, aber Gnade ihnen Gott, wenn es zu einem Vertrauensverlust ins Papiergeld kommt. Als Silberinvestor habe ich die Einbrüche 2004, 2006 und 2008 in bester Erinnerung. Meine Käufe Ende 2008 haben sich später ausgezahlt und antizyklische Investments werden sich auch wieder auszahlen.

Die nächste große Hausse, die ich aber erst irgendwann zwischen Ende 2013 und Ende 2015 erwarte, wird dabei nach meiner Erwartung nicht von einem gesunden Boom der Weltwirtschaft ausgehen, sondern von einem zunehmenden Vertrauensverlust unseres Papiergeldes.

Bei allem Schlechtmachen von Gold und Silber in den Medien sollten wir uns stets vor Augen führen, dass im alten Rom mit einer Unze Gold eine Toga sowie Sandalen gekauft werden konnten. Auch heute erhalte ich einen guten Anzug und gute Schuhe. Wenn Sie sich die Lebensdauer der teuersten Unternehmen der Welt anschauen, kommen wir hier zu anderen Ergebnissen.

In einer Zeit, die von zunehmender Planungsunsicherheit, einer gigantischen Papiergeldblase und zunehmender staatlicher Willkür geprägt ist, bleibt für mich Silber ein unverzichtbarer Bestandteil einer Vermögensschutzstrategie. Aufgrund seiner mannigfachen Anwendungsgebiete in der Wirtschaft sollte schon ein Silberverbot unwahrscheinlich sein, was man beim Gold nicht sagen kann.