Timing Lehren aus dem Oktober-Crash

Georg Graf von Wallwitz ist selbständiger Investmentmanager

Georg Graf von Wallwitz ist selbständiger Investmentmanager

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Die Börse lebt mit den Jahreszeiten, nicht weniger als die Landwirtschaft. Sie hat ihre Bauernregeln („Sell in May and go away“), ihre gute Zeit (November bis April) und ihre Crash-Monate (September und Oktober).

Man sollte die Analogie nicht überstrapazieren („Der dümmste Bauer erntet die dicksten Kartoffeln“), aber an einer Stelle ist sie profund und unübersehbar: Bauern und Börsianer versuchen sich in der Kunst der Vorhersage.

Die Zeitungen entdecken zum Jahresende alte Bauern aus irgendwelchen Pfaffenwinkeln, welche die Fähigkeit besitzen, das Wetter im kommenden Jahr vorauszusagen. Und sie befragen die Analysten der bedeutenden Handelshäuser, wo Dax und Dow am Ende des nächsten Jahres stehen werden.

Die Analysten antworten meistens, die Aktien würden 7 Prozent steigen, denn das ist der Durchschnittswert über die letzten 60 oder 120 Jahre, je nachdem, wie viele Kriege dazwischen gekommen sind. Damit liegen sie fast immer falsch.

Es ist äußerst selten, dass etwa der Dax in einem gegebenen Jahr auch nur ungefähr 7 Prozent zulegt (plusminus 3 Prozent, um diesen Mittelwert lag er seit 1980 nur in vier von 34 Jahren (und wenn man die Jahre von erstem Quartal zu erstem Quartal rechnet, sogar nur einmal)).

Aktionäre sind emotional und lieben deutliche Verluste oder satte Gewinne. Der Durchschnitt, auf dem sich langfristig die Entwicklung einpendeln mag, langweilt sie.

So legen die Gurus fast immer falsch und es sollte eigentlich verboten sein, Kursziele auszugeben ohne dabei eine Narrenkappe zu tragen. Börsenpropheten geben vor, Emotionen zu berechnen und eine Meinung zu haben zu etwas, das man nicht wissen kann.

Und dennoch nimmt die Nachfrage nach Prophetie nicht ab, denn es ist verlockend und profitabel, vor einer gutgläubigen Zuhörerschaft zu behaupten, man habe ein besonderes Wissen.

Der Ausgabe von Kurszielen liegt dabei etwa folgende Idee zu Grunde: Man kaufe Wertpapiere wenn die Stimmung schlecht ist und die Kurse im Keller (das heißt unterhalb der Prognose) sind.

Und man verkaufe, wenn die Stimmung gut und die Kurse hoch sind. Ist es zu viel verlangt, jemanden, der sich tagein tagaus mit diesem Thema beschäftigt, zu befragen, wie es aktuell um Stimmung und Kurse bestellt ist? „Nein“, antwortet der Analyst, denn er will seinen Job behalten, und nennt seine 7 Prozent als Kursziel.