Umwelt- und Finanz-Experte Peter Grassmann zur globalen Wirtschaftslage: Nachhaltigkeit braucht Zwang

Peter Grassmann; Quelle: Privat

Peter Grassmann; Quelle: Privat

// //

DAS INVESTMENT.com: Als promovierter Physiker waren Sie früher unter anderem technischer Vorstand des Bereichs Medizintechnik der Siemens AG sowie Vorstandschef von Carl Zeiss. Nun leiten Sie die Umwelt-Akademie e.V. Wie kam der Sinneswandel von der Ökonomie zur Ökologie?

Peter Grassmann: Es war kein Sinneswandel. Es hat mich schon immer gestört, wenn Nachhaltigkeitskriterien nicht eingehalten wurden. In meiner Zeit als Vorstand bei Siemens habe ich mich für ethische Ziele – beispielsweise die Korruptionsbekämpfung – eingesetzt. Als einzelnes Unternehmen kann man in einer globalisierten Wirtschaft jedoch nur wenig tun. Damals war Korruption eine weltweite Krankheit, ohne sie gab es zum Beispiel in Südamerika überhaupt keine Geschäfte. Und was die Nachhaltigkeit betrifft: Die Kunden stehen unter einem enormen Werbedruck, der ihnen ihre Konsumwünsche vorgibt. Zwar tut die Marktwirtschaft nur, was der Kunde will. Aber er ist zu oft nicht rational. 

DAS INVESTMENT.com: „Der Klimawandel ist das größte Versagen des Marktes“, zitieren Sie in einem Ihrer Vorträge den ehemaligen Chef-Ökonom der Weltbank Nicholas Stern, der in seinem Bericht vor den ökonomischen Gefahren des Klimawandels warnte. Warum haben die Märkte denn versagt?

Cleantech Magazin

Cleantech Magazin
Aktuelle Ausgabe
Solarenergie: Die neusten Technologien und die besten Investments

>> jetzt neu: zum Blättern

>> zum klassischen PDF

>> kostenlos abonnieren

Grassmann: Weil der Kunde nicht langfristig denkt – und die Wirtschaft auch nicht. Denn laut dem Stern-Report werden die Emissionen von Treibhausgasen wie CO2 langfristig zu massiven Einbrüchen der globalen Wirtschaftsleistung führen. Es wäre also vernünftig, wenn alle Marktteilnehmer weltweit alles daran setzen würden, die CO2-Emissionen zu reduzieren.

DAS INVESTMENT.com: Und warum tun sie das nicht?

Grassmann: Die Märkte werden nicht nur von Eigennutz, sondern stärker noch von Emotionen bestimmt. Besonders deutlich kann man das momentan anhand des Automobilmarkts sehen. Wir haben dort in der letzten Zeit den größten Käuferstreik der Geschichte erlebt. Nun setzt auf dem Fahrzeugmarkt eine emotionale Trendwende ein. Während zuvor die großen umweltschädlichen Sprit-Fresser noch als das Non-Plus-Ultra galten, wenden sich Kunden nun sparsameren Alternativen zu.

DAS INVESTMENT.com: Bei Autos geben aber auch viele Menschen zu, ihre Kaufentscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen. Bei Finanzentscheidungen werden hingegen sachliche Argumente genannt. Hat die Finanzkrise denn trotzdem mit Emotionen zu tun?

Grassmann: Ja, natürlich. Die Finanzkrise war eine Fehlentwicklung, die durch eine Emotion – die Gier – und den damit einhergehenden Verlust an Selbstkontrolle ausgelöst wurde. Sowohl beim Klimawandel als auch bei der Finanzkrise spielen die Summeneffekte sozialpsychologischer Eigenschaften eine wichtige Rolle. Ähnliches Verhalten Vieler addiert sich zum Problem.

DAS INVESTMENT.com: Was bedeutet das?

Grassmann: Ein Individuum kann sehr wohl ethisch handeln. In einer anonymen Masse hingegen kommt verantwortungsbewusstes, werteorientiertes Verhalten äußerst selten vor. Geschützt in der Anonymität der Menge, geben Menschen ihre persönliche Verantwortung auf und ergeben sich den ansteckenden Gefühlen der Masse. Diese entwickelt so ein Eigenleben, wühlt die Gefühle auf und verleitet die Personen zu irrationalem Handeln.