Value versus Growth „Das sind die unterschätzten Renditebringer“

Stephan Albrech, Vorstand der Albrech & Cie. Vermögensverwaltung

Für die meisten Betrachter ist die Lage sonnenklar: Wachstumsaktien wie die von Facebook, Amazon, Netflix oder Google (FANG) laufen von Natur aus besser als Papiere von volatilen Energieunternehmen, wackligen Banken und langweiligen Telefongesellschaften. Schließlich sind die FANGs an der Speerspitze der technologischen Entwicklung und kassieren dort satte Profite, so die landläufige Meinung. Auch die Medien tragen ihren Teil dazu bei: Interessante News aus den Zukunftsbranchen verkaufen sich eben besser als spröde Fakten aus der Stahlhütte. Doch stimmt das rosige Bild?

Schaut man nur auf die vergangenen zwölf Monate, lautet die Antwort „ja“. Seit Frühjahr 2017 sind sogenannte Growth-Aktien deutlich besser gelaufen als Value-Titel, die sich vor allem durch eine günstige Bewertung auszeichnen. Doch auf längere Sicht führt das Bild von den Wachstumsaktien als immerwährenden Überfliegern in die Irre. Das zeigt unser langjähriger Vergleich der beiden Indexfonds „iShares Russell 1000 Growth“ und „iShares Russell 1000 Value“. Beide ETFs wurden im Mai 2000 in den USA aufgelegt und erlauben mit 18 Jahren den längsten Vergleich zwischen Value und Growth (rot beziehungsweise blau im Chart):

Quelle: stockcharts.com

Erkenntnis Nummer eins: Wer zur Jahrtausendwende in den Value-ETF investierte, freut sich derzeit über einen Wertzuwachs von 218 Prozent – das entspricht einer jährlichen Rendite von knapp 7 Prozent. Anleger, die auf den Growth-ETF setzen, gewann indes nur 115 Prozent oder gut 4 Prozent im Jahr hinzu. Und sie mussten sich bis 2013 gedulden, bis ihr Investment überhaupt aus den roten Zahlen kam.

Erkenntnis Nummer zwei: Vom Tiefpunkt der letzten Baisse im März 2009 aus beträgt der Wertzuwachs beim Value-ETF 200 Prozent, beim Growth-Fonds indes 300 Prozent. Das liegt daran, dass manche Schwergewichte wie Amazon, Apple & Co. den Wachstumsfonds insbesondere seit 2015 beflügelt haben. An der Tatsache, dass Wachstumstitel längerfristig schlechter abgeschnitten haben, ändert dies aber nichts.

Erkenntnis Nummer drei: Teilt man die Zeit seit 2000 in sechs Drei-Jahres-Perioden auf, lagen Value-Aktien von 2000 bis 2006 sowie von 2012 bis 2015 deutlich vor Wachstumstiteln. Von 2006 bis 2012 entwickelten sich beide Aktiengruppen etwa gleich. Von 2015 bis jetzt haben die Growth-Papiere indes die Nase vorn. Damit zeigt sich: Auch auf kürzere Frist ist die Chance, besser abzuschneiden, für breit streuende Value-Anleger höher als für Anhänger von Wachstumstiteln.

Fazit: Zum einen ist es sinnvoll, generell Value- und Growth-Aktien zu mischen und nun zunehmend Gewicht auf Value-Titel zu legen – vor allem auch, weil manche Growth-Aktien schwindelerregende Höhen erreicht haben. Dass das Klima in solchen Höhen ruppig werden kann, zeigt der Sturz der Facebook-Aktie um 15 Prozent in knapp zwei Monaten.

Zum anderen ist es möglich, in einer Momentum-Strategie solange mit einem ETF auf die stärkste Aktiengruppe zu setzen, bis sie von der anderen Gruppe überholt wird oder der breite Markt zu schwächeln beginnt und sich der generelle Ausstieg aus Aktien empfiehlt. Aktuell würde eine solche Strategie noch auf Growth-Aktien setzen. Doch ein Wechsel der Favoriten dürfte nach unserer Erfahrung nicht mehr allzu fern sein.