Vermögensverwalter-Kolumne 9 streitbare Thesen zur Zukunft der Weltwirtschaft

Prof. Hartwig Webersinke, Dekan an der Hochschule Aschaffenburg & Aufsichtsratsvorsitzender der Wallrich Wolf Asset Management AG | © Anke Leuschke/V-Bank

Prof. Hartwig Webersinke, Dekan an der Hochschule Aschaffenburg & Aufsichtsratsvorsitzender der Wallrich Wolf Asset Management AG Foto: Anke Leuschke/V-Bank

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  • Konjunkturzyklen sind abgeschafft

Konjunkturverläufe, bei denen sich Phasen des weltwirtschaftlichen Auf- und Abschwungs signifikant unterscheiden, gibt es in der alten Welt (USA, Europa, Japan) nicht mehr. Um in eine Boomphase einzutreten, bedarf es nennenswerter Investitionen, die aber nicht mehr getätigt werden. Auf der anderen Seite ergreifen die bedeutenden Notenbanken bei ersten Anzeichen einer wirtschaftlichen Verschlechterung alle zur Verfügung stehenden geldpolitischen Mittel, um ein Abgleiten in die Rezession zu verhindern. Die Industrieländer werden damit mehr oder weniger dauerhaft bei einem Wachstum von ein bis zwei Prozent bleiben, mit größeren Impulsen durch die Emerging Markets ist über Jahre hinweg nicht zu rechnen.

  • Wer Arbeitsteilung zurückdreht, wird Wohlstand verlieren

Großen Teilen der westlichen Bevölkerung ist der Zusammenhang zwischen Arbeitsteilung und Wohlstand nicht bekannt. Abkommen wie NAFTA (North American Free Trade Agreement) oder CETA, das Wirtschafts- und Handelsabkommen zwischen Kanada und der EU, aber auch Zusammenschlüsse wie die Europäische Union werden deshalb als Bedrohung angesehen. Die Globalisierung könnte so zu einem Auslaufmodell mit entsprechenden Folgen für die Weltwirtschaft werden. Dies werden die Briten im Rahmen des zu erwartenden harten Brexits sehr viel schneller erfahren als die Bürger anderer europäischer Länder.

  • Aufbruchsstimmung in Amerika

Große Teile der US-Bevölkerung verbinden den Politikwechsel mit der Erwartung, dass sich ihre wirtschaftliche Situation verbessern wird. Es herrscht eine Art Aufbruchsstimmung. Das Verbrauchervertrauen ist zuletzt auf ein 15-Jahres-Hoch angestiegen und die Indikationen für den Immobilienmarkt (Hausverkäufe, Neubaubeginne, …) sind ebenfalls positiv. Zusammen mit möglichen Steuersenkungen wird dies (zunächst) für eine deutliche Steigerung des Wirtschaftswachstums in den USA sorgen, von dem auch die restliche Welt profitieren sollte. Am Ende könnte es sogar zu einer Reduzierung der Schuldenquote kommen. Die deutsche Berichterstattung über Trump spiegelt das wahre Bild (bisher) nicht wider.

  • Infrastrukturprogramm Fehlanzeige

Auch, wenn inzwischen eine Liste mit 50 möglichen Projekten im Gesamtvolumen von 137,5 Milliarden US-Dollar aufgetaucht ist, wird es kein breit angelegtes Infrastrukturprogramm geben. So ergibt es überhaupt keinen Sinn, bei faktischer Vollbeschäftigung und boomender Wirtschaft derartige Maßnahmen in die Wege zu leiten. Das werden Trumps Berater ihm hoffentlich vermitteln. Davon abgesehen können sich die USA dies mit einer Staatsverschuldung von 107 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auch gar nicht leisten.

  • Fracking stabilisiert Ölpreise

Erst wenige Tage im Amt, hat Donald Trump per Dekret angeordnet, zwei umstrittenen Pipeline-Projekte, die von seinem Vorgänger gestoppt worden waren, wieder aufzunehmen. Das Fracking dürfte unter dem neuen Präsidenten mit seinen engen Verflechtungen zur Ölindustrie weiter ausgedehnt werden. Dies wird einen möglichen Ölpreisanstieg zukünftig stark begrenzen. Da das Fracking im Allgemeinen höhere Produktionskosten als die klassische Förderung über Bohrlöcher verursacht, scheiden diese Anbieter bei fallenden Preisen relativ schnell wieder aus dem Markt aus. Die Volatilität der Ölpreise wird damit zurückgehen, der „Risikofaktor Öl“ für die Weltwirtschaft an Bedeutung verlieren.