Vermögensverwalter Marc-Oliver Lux Die US-Wahlen stehen einer Jahresendrally nicht im Weg

Eingang zu einem Wahllokal in Missouri während der aktuellen Präsidentschaftswahl | © Getty Images

Eingang zu einem Wahllokal in Missouri während der aktuellen Präsidentschaftswahl Foto: Getty Images

Zeitweise schien es schon ausgemachte Sache, dass Hillary Clinton die Präsidentschaftswahl in den USA gewinnt. Kurz vor dem Showdown hat ihr Gegenspieler Donald Trump aber wieder Boden gut gemacht und den Rückstand in den Umfragen fast wettgemacht. Die leidige E-Mail-Affäre verfolgt Clinton weiter, während die Lügen und abfälligen Bemerkungen Trumps immer weniger zu stören scheinen.

Nun hat auch die Börse darauf reagiert und beginnt den bisher unwahrscheinlichen Fall, dass Trump gewinnt, in den Kursen einzupreisen. Die Investoren drücken deshalb auf die Verkaufen-Taste, obwohl viele Fundamentaldaten aktuell einen positiven Eindruck hinterlassen. Käufer halten sich hingegen zurück. 600 Punkte hatte der DAX in wenigen Tagen abgegeben. Deutlicher kann das Urteil nicht ausfallen: Trump ist unter den Börsianern unerwünscht. Egal wie man zu Hillary Clinton steht, aus Anlegersicht drücken wir die Daumen, dass sie es schafft.

Denn wie schon beim BREXIT: Die Finanzmärkte mögen keine Unsicherheiten – Trump würde aber genau diese Unsicherheit verkörpern. Das Verhalten und Agieren eines Präsidenten Trump wäre vermutlich in sehr vielen Politikfeldern so gut wie unberechenbar, und wahrscheinlich wüsste Trump in vielen Fällen selbst nicht, wie er zu agieren hätte. Dementsprechend chaotisch könnte sich eine solche Präsidentschaft entwickeln, inklusive möglicher diplomatischer Verwerfungen und eines beachtlichen Ansehensverlustes der USA im Rest der Welt.

Beruhigend ist nur, dass zumindest keine Umfrage existiert, die Trump signifikant vor Clinton sieht, so dass nach wie vor die meisten Beobachter von einem Sieg Clintons ausgehen. Zudem muss man berücksichtigen, dass der US-Präsident gar nicht direkt vom Volk gewählt wird, sondern von Wahlmännern. Und hier liegt nun die Besonderheit des US-Wahlsystems: In den USA gehen bis auf wenige Ausnahmen (Nebraska und Maine) alle Wahlmänner an den Kandidaten, der die relative Mehrheit in dem jeweiligen Staat gewinnt. Damit ist es beispielsweise vollkommen unerheblich, ob Clinton in Kalifornien mit 49 Prozent oder mit 99 Prozent die Wahl gewinnt – alle Wahlmänner Kaliforniens werden ihre Stimme für Clinton abgeben müssen.

So lassen sich relativ verlässlich Projektionen darüber abgeben, wie die Wahlmänner in den jeweiligen Staaten abstimmen, denn die politischen Verhältnisse sind in vielen US-Staaten einfach zu klar, als dass es Überraschungen geben könnte. Damit wäre Trump in dieser Projektion meilenweit von der notwendigen Stimmenzahl von 270 entfernt. Trump kann theoretisch überhaupt nur gewinnen, wenn er tatsächlich alle Staaten gewinnt, die ihm jetzt als „sicher“ zugeschrieben werden, zudem alle „Swing-States“ (Staaten mit Wechselwählern) gewinnt und sogar noch einen weiteren Staat gewinnt, der eher Clinton zugerechnet wird. Selbst nach Abzug einer Fehlermarge sieht ein Sieg Trumps daher eher unwahrscheinlich aus.

Dennoch können solche prominenten Ereignisse immer mal wieder zu kurzfristigen Verwerfungen an den Märkten führen. Zurückhaltung im Vorfeld der Wahlen schadet daher nicht. Doch „Politische Börsen haben kurze Beine“ wie das Sprichwort so schön sagt. Was momentan vor Angst nach unten geprügelt wird, kann nach der Wahl genauso schnell nach oben schießen und dann die – immer wieder gern genommene – Jahresendrally einläuten. Die Chancen auf ein versöhnliches Jahresende stehen also gar nicht schlecht.