Versicherungs-Ratings: Zeugnisse mit Verfallsdatum

Bröckelnde Bewertung: Auch attraktive Ratingnoten <br>halten nicht für die Ewigkeit. Quelle: Fotolia

Bröckelnde Bewertung: Auch attraktive Ratingnoten
halten nicht für die Ewigkeit. Quelle: Fotolia

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März 1892: Der 15-jährige Alfred Magilton Best fängt als Hilfsbuchhalter bei der Queen Insurance Company in New York an. Für 3 Dollar die Woche sammelt er Daten der Versicherungsnehmer für eine neue Feuerschutzpolice. Einige Jahre später der Geistesblitz: Warum gibt es keinen öffentlichen Report, der Finanzkraft und Arbeitsmethodik der Versicherungen abbildet? Best startet mit dieser Idee ein eigenes Unternehmen. Daraus wird 1899 die Alfred M. Best Company, die älteste Rating-Agentur der Welt.

Hierzulande sollen jedoch noch rund 100 Jahre vergehen, bevor AAA, Aaa oder FFF in der Assekuranz eine Rolle spielen. Erst als 1994 der Versicherungsmarkt dereguliert wird, nimmt die Produktvielfalt derart zu, dass die Branche unabhängige Werturteile dankbar aufnimmt.

Neben den drei großen US-Anbietern Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch
beackern auch deutsche Agenturen den Markt, etwa Franke & Bornberg oder Assekurata.

Allerdings sind Ratings schwer vergleichbar. So macht es etwa einen Unterschied, ob die Tester den Versicherer und seine Finanzstärke unter die Lupe nehmen oder ein Produkt bewerten. Auch Vertriebs- und Service-Ratings sind davon strikt zu trennen. Es gibt interaktive Ratings, die interne Daten umfassen und die der Versicherer in Auftrag gibt und bezahlt.

Das Gegenstück sind passive Ratings, die eine Rating-Agentur ohne Auftrag und Honorar aus öffentlich zugänglichen Daten erstellt – sogenannte PI-Ratings (für Public Infomation). Methodik, Daten und Interessenkonflikte sind nicht immer transparent – was für Berater problematisch werden kann.

Das vielleicht größte Problem: Alle Ratings haben ein Verfallsdatum. Eine Entscheidung für eine Lebensversicherung, eine private Krankenversicherung oder eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist indes eine langfristige und kann kaum alleJahre lang angepasst, sprich per Umdeckung korrigiert werden.

Rating ist keine Empfehlung

Wer haftet also, wenn das Rating fehlerhaft war und das Produkt nicht hält, was es versprach? Die Rating-Agentur jedenfalls nur in der Theorie. Denn ein Rating hat zwar eine Auskunftsfunktion, ist aber keine Empfehlung, weiß Sarah Lemke, Rechtsanwältin bei der Bremer Kanzlei Blanke Meier Evers. „Ein geschädigter Investor müsste beweisen, dass gerade dieses Rating ausschlaggebend für seine Investitionsentscheidung war“, so Lemke. In der Praxis heißt dies: erheblicher Begründungsaufwand. >> Kasten vergrößern


Ein gutes Finanzstärke-Rating etwa sagt nur indirekt etwas über die Qualität der Produkte aus: Ein Spitzen-Rating erhält ein Versicherer meist bereits, wenn er eine begüterte Muttergesellschaft hat. Auch die Höhe der Rückstellungen beeinflusst ein Finanzstärke-Rating positiv – doch Versicherer, die überwiegend Fondspolicen anbieten, benötigen weniger und schneiden deshalb meist schlechter ab.

Und nicht jedes Rating passt auf jede Fragestellung: Inwieweit Überschüsse über die Garantieleistung hinaus erwirtschaftet werden können, darüber gibt nicht jedes Rating dezidiert Auskunft. Ein Unternehmen kann etwa auch dann ein gutes Zeugnis erhalten, wenn es geringe Garantien und viele Vorbehalte zur Leistungskürzung aufweist. Kurz: Tücken lauern überall.

Berater muss Rating prüfen

Übersetzt auf den Berater, der Unternehmens-Ratings als Entscheidungshilfe heranzieht, heißt dies: Er darf sich keinesfalls ungeprüft auf ein Rating verlassen. „Eine Plausibilitätskontrolle ist Pflicht“, so Rechtsanwältin Lemke. Falls eine Vertragsbeziehung zur Rating-Agentur besteht, das Rating demnach in Auftrag gegeben (und bezahlt) wurde, ist eine Haftung der Agentur möglich.

Doch dies ist im Versicherungsvertrieb meist nicht der Fall. Eine Verordnung der EU aus dem Jahr 2009 nimmt Rating-Agenturen, die Bonitätsurteile vergeben wollen, an die Kandare: Sie müssen sich einer Registrierung unterwerfen und ihre Arbeitsrichtlinien verbindlich dokumentieren. Derzeit läuft bei vielen Agenturen dieser Prüfprozess.