Verzerrung der Realität an den Aktienmärkten Einschätzung der Risiken vieler Investoren zu wohlwollend

Andreas Leckelt ist Geschäftsführer von Laransa Private Wealth Management. Foto: Kirsten Nijhof

Andreas Leckelt ist Geschäftsführer von Laransa Private Wealth Management. Foto: Kirsten Nijhof

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Die große Mehrzahl der Vermögensverwalter und Bankanalysten gehen für 2015 von einem weiteren Kursanstieg beim Dax sowie beim S&P 500 Index aus. Diese einhellige Zuversicht steht jedoch in krassem Gegensatz zu dem, was auf Basis aller wesentlichen Indikatoren für die Börsen zu erwarten ist.

Betrachtet man diese Indikatoren, wird deutlich, dass US-Aktien derzeit „überkauft“, „überbewertet“ und „zu stark kreditfinanziert“ sind. US-Aktien notieren derzeit 90 Prozent über ihrem langfristigen Trend. Nur einmal in dem Zeitraum zwischen 1871 und 2014 war der Aktienmarkt in dem Ausmaß „überkauft“: während der Internetblase zur Jahrtausendwende. Die fremdfinanzierten Aktienkäufe befinden sich sogar auf einem Allzeithoch.

Nur auf die Notenbanken zu setzen ist keine Strategie

Mit Ausnahme der Politik des billigen Geldes gibt es derzeit keinen Grund, Aktien zu diesen Bewertungen und Anleihen zu diesen niedrigen Zinsen zu kaufen. Natürlich können teure Aktienmärkte noch weiter steigen. Das hat der US-Markt von 1996 bis 1999 gezeigt oder der japanische Aktienmarkt, der den Aktien-Crash von 1987 trotz extremer Überbewertung besser als andere Märkte überstand und erst ab 1989 zusammenbrach.

Rationale Investoren sollten hierauf unseres Erachtens jedoch nicht spekulieren, da alle seriösen Studien belegen, dass sich kurzfristige Entwicklungen an den Börsen nicht prognostizieren lassen.

Die langfristigen Renditeerwartungen lassen sich hingegen relativ gut prognostizieren, da die oben genannten Indikatoren auf lange Sicht immer wieder zu ihrem historischen Durchschnittswert zurückkehren.

Unbestritten reichen im aktuellen Umfeld der inzwischen wohl größten Spekulationsblase aller Zeiten einzelne Äußerungen der Europäischen Zentralbank oder der US-Notenbank aus, um beginnende Abwärtstrends an den Weltbörsen zu stoppen und sogar umzukehren.

So ist der Dax in einem wirtschaftlich unveränderten Umfeld um 1.700 Punkte gefallen, um unmittelbar auf die Aussage von Mario Draghi, mit dem Ankauf von Staatsanleihen zu liebäugeln, wieder auf das Ausgangsniveau zurückzukehren.

Der Glaube an die nahezu göttlichen Fähigkeiten der Zentralbanker – insbesondere der Glaube, dass der Kauf von Anleihen mit neu gedrucktem Zentralbankgeld zu steigenden Aktienkursen führen müsse - steht derzeit im Zentrum aller Spekulationen.

Es gibt jedoch keine ökonomische Erklärung, warum das dauerhaft so sein sollte. Und in der Vergangenheit war es auch nicht so, wie das Beispiel des japanischen Aktienmarktes zeigt. Auch das vielfach bemühte Argument der Alternativlosigkeit zu Aktien hält der Überprüfung nicht stand.

So befanden sich im November dieses Jahres die Zinsen auf einem sehr tiefen Niveau und dennoch erlebte der Dax einen Rückgang von über 10.000 Punkten auf ein Niveau von 8350 Punkten. Das Kapital verschwand einfach im Strudel der Kursverluste, genauso wie es virtuell entsteht, wenn Aktien steigen.