Volkswirt-Serie: „Der perfekte EZB-Chef würde die EZB abschaffen“

Thorsten Polleit

Thorsten Polleit

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DAS INVESTMENT.com: Bitte liefern Sie uns drei stichhaltige Argumente, derzeit Aktien zu kaufen.

Thorsten Polleit: Aktien sind Unternehmensanteile. Darum schauen wir uns jedes Unternehmen, das für uns in Frage kommt, genau an und beurteilen dessen Fähigkeit, dauerhaft hohe Eigenkapitalrenditen zu erzielen. Bei der Geldanlage geht es darum, gute Unternehmen zu guten Preisen – das heißt zu Preisen, die einen Sicherheitsabschlag („Margin of Safety“) haben – zu kaufen. Wenn uns das gelingt, erreichen wir (1) eine hohe Rendite auf das Anlagekapital, (2) ein geringeres Verlustrisiko und vor allem (3) Inflationsschutz.

DAS INVESTMENT.com: Welchen Märkten oder Sektoren trauen Sie die beste Entwicklung zu und warum?

Polleit: Sie müssen zunächst unterscheiden, ob Sie hier von der Entwicklung der Unternehmen reden oder von der Attraktivität der Aktienkurse. Bei Ersterem bin ich langfristig positiv für Güter des täglichen Gebrauchs – Dinge, die Konsumenten benötigen, die wenig kosten und die am besten regelmäßig gekauft werden müssen. Die beste Aussicht werden dabei solche Unternehmen haben, die über dauerhafte Markteintrittsbarrieren verfügen.

Ob ein Aktienkauf hingegen erfolgreich wird, hängt davon ab, wie viel Sie im Verhältnis zu den Ertragsaussichten des Unternehmens bezahlen müssen. Für Nestlé, der allseits beliebten Aktie, zahlen Sie zum Beispiel bereits das Zwanzigfache des letzten Nettogewinns – ein hoher Preis. Derzeit zu hoch, meinen wir. Es gibt jedoch auch sehr attraktiv bewertete Unternehmen, die für uns als Investment in Frage kommen. Der Blick auf Sektoren ist für uns nachrangig. Es geht primär um Renditen, nicht um spezifische Gütermärkte.

DAS INVESTMENT.com: Wie werden sich Wirtschaft und vor allem Geldpolitik in Europa und USA auf die Aktienmärkte auswirken?

Polleit: Die Konjunkturzyklen der großen Volkswirtschaften sind mittlerweile stark synchronisiert. Die Weltwirtschaft befindet sich derzeit in der Abschwungphase – nach einem Scheinaufschwung in den letzten Jahren, die Geld- und Fiskalpolitiken provoziert haben. Die Volkswirtschaften versuchen, der unentrinnbaren Depression zu entkommen, die dem Platzen des Papiergeld-Wahnsinns-Boom folgt.

Die Geldpolitiken weltweit sind mittlerweile auf eine Inflationierungspolitik eingeschwenkt. Sie wollen den Geldwert herabsetzen. Viele Investoren vertrauen den Zentralbanken und Regierungen immer noch. Das wird sie teuer zu stehen kommen. Anleger in festverzinslichen Titeln werden schwer geschädigt. Aber auch viele Aktien werden leiden, weil viele Unternehmen ernste Schwierigkeiten in einem inflationären Umfeld haben werden.