Volkswirt-Serie: „Draghi hat meine Erwartungen übererfüllt“

Janwillem Acket ist Chefvolkswirt bei Julius Bär

Janwillem Acket ist Chefvolkswirt bei Julius Bär

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DAS INVESTMENT.com: Bitte liefern Sie uns drei stichhaltige Argumente, derzeit Aktien zu kaufen.

Janwillem Acket: 1. Der Leistungsausweis vieler Unternehmen verdient Vertrauen: Viele börsengehandelte Bluechip-Unternehmen haben seit Beginn der Finanzkrise Schulden abgebaut, Produktivität erhöht und Innovationen, also Mehrwert, geschaffen und das in Ausmaßen, die sehr oft die Erwartungen der Anleger übererfüllt haben. Das Management solcher meist privat geführten Unternehmen hat sich mehr Vertrauen verdient als in den meisten Ländern die Politik.
2. Dividenden-Champions erbringen höhere Renditen als die meisten Top-Staatsanleihen.
3. Die Bewertungen vieler guter Unternehmen sind nicht überreizt, das heißt es gibt immer noch preiswerte Qualität am Aktienmarkt. Die Krux von 1. bis 3. ist die kritische und richtige Selektion.

DAS INVESTMENT.com: Welchen Märkten oder Sektoren trauen Sie die beste Entwicklung zu und warum?

Acket: Kernländer der Eurozone wie Deutschland und Niederlande sowie Schwellenländer und aber auch entwickelte Länder in Asien wie beispielsweise Korea, weil die gegenüber den USA ein gewisses Aufholpotenzial haben. Sektoren stehen weniger im Vordergrund; denn es gibt überall noch Perlen beziehungsweise eher stolz bewertete, also korrekturanfällige Unternehmen. Konsumnahe, Technologie- und Investitionsgüter-Bereiche haben meine Präferenz.

DAS INVESTMENT.com: Wie werden sich Wirtschaft und vor allem Geldpolitik in Europa und USA auf die Aktienmärkte auswirken?

Acket: Die Geldpolitik in Europa und USA hat ihre Pflicht erfüllt und kann nur weiter die Nerven beruhigen, aber nicht das Wachstum stimulieren, weil der Transmissonsmechanismus über die Banken nicht gut funktioniert. Nun liegt es aber an der Politik, die richtigen Akzente zu setzen für die Banken und die Wirtschaft, damit die allgemeine Vertrauenskrise überwunden werden kann. Von diesen Akzenten können dann schließlich die Aktienmärkte nachhaltiger profitieren.

DAS INVESTMENT.com: Wie ist der perfekte EZB-Chef?

Acket: Niemand ist perfekt. Mario Draghi hat meine Erwartungen bisher eher übererfüllt. Derzeit kann ich mir keinen besseren EZB-Chef vorstellen.

DAS INVESTMENT.com: Wie lässt sich der starke Abverkauf von Aktienfonds gegenüber dem Run auf Rentenfonds einordnen?

Acket: Die allgemein breit gestreute Vertrauenskrise lässt die Anleger auf vermeintliche Sicherheit setzen. Die historische Volatilität von Aktien ist nun mal gegenüber den Anleihen immer höher gewesen.

DAS INVESTMENT.com: Welche Rolle spielen die Emerging Markets und deren Einfluss auf die Weltwirtschaft an den Aktienmärkten?

Acket: Die Emerging Markets werden vorläufig weiterhin getrieben sein von der Aufholjagd in Richtung unseres höheren Lebensstandards in den entwickelten Volkswirtschaften der OECD. Da riesige Bevölkerungen immer noch viele Grundbedürfnisse nur ungenügend oder noch gar nicht befriedigen können, wird hier eine wesentliche Wachstumsquelle der Weltwirtschaft zu finden sein. Durch ihren Energie- und Rohstoffhunger erwachsen uns im Westen große Konkurrenten in diesen Märkten. Die Dynamik in den Schwellenländern wird an den Weltmärkten zu vielen Engpässen und umkämpften Märkten führen. Unternehmen, die an diesen Flaschenhälsen Ihr Angebot platzieren können haben dadurch große Wachstums- und Ertragspotenziale. Diese Unternehmen gilt es an den Aktienmärkten zu identifizieren; sie werden entsprechendes Kurspotenzial haben.

DAS INVESTMENT.com: Wie lautet das dümmste Sprichwort in Bezug auf die Wirtschaft?

Acket: Heute ist anders …